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Wir nehmen kurz mal Deinen Sohn mit...

Le Monde, 13. Juni 1997
Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

Auf dem Regal in dem Anwaltsbüro von Taheri sind die Akten der "Verschwundenen" nebeneinander aufgereiht. Die neuste trägt die Nummer 294. Jeder Ordner beinhaltet mehrere voneinander getrennte Fälle - bis zu sieben. Jeder Fall wird durch wenige Unterlagen dokumentiert: Personenstandsformular, ein Foto und einige Zeilen, um kurz, auf Französisch oder Arabisch, die Umstände des "Verschwindenlassens" zu notieren.

Aufschlußreicher ist es, den vielsagenden Erzählungen der Familien zuzuhören, die sich wie jede Woche in dem Büro des Anwalts versammeln. Alle wohnen in Vororten Algiers. "Die Polizei hat meinen Sohn Mourad am 16. Mai 1996 um 8 Uhr morgens abgeholt" erzählt ein Familienvater, der sich für sein "Klempnerfranzösich" entschuldigt. "Er saß vor dem Fernseher. Er ist vierundzwanzig Jahre alt. Er ist der Älteste unserer sieben Kinder. Die Polizisten haben mir gesagt: 'wir nehmen Deinen Sohn kurzmal mit...' Ich habe den ganzen Nachmittag gewartet. Dann bin ich zur Kaserne von Baraki gegangen. Vergebens. Ich habe überall hingeschrieben ohne eine Antwort zu erhalten. Eines Tages haben die Gendarmen mich vorgeladen. Sie haben mir gesagt, ich hätte meinen Sohn schlecht erzogen." Die Mutter, die bis dahin schweigend neben ihrem Mann gesessen hatte, meldet sich zu Wort: "Mourad war gut erzogen. Abends habe ich die Tür der Wohnung geschlossen. Er ging nicht nach draußen. Und morgens, war er derjenige, der den Kaffee kochte."

Eine alte Dame in dem Büro des Anwalts schließt sich ihnen an: "Vor einem Jahr haben die Militärs meinen achtzehnjährigen Sohn mitgenommen. Riad schlief. Er ist der Jüngste meiner Söhne. Er arbeitete mit seinem Bruder in einer Schreinerei." Warum ist er festgenommen worden? "Riad ist ein ernster Junge. Er trinkt nicht, er nimmt keine Drogen. Er verrichtet seine Gebete. Deswegen ist er verdächtig und sie haben ihn festgenommen". Antwortet seine Mutter.

Die alte Dame erhebt sich und verläßt das Büro. Ein sehr korpulenter Mann setzt sich auf den Stuhl. Er ist stolz "live" zu sprechen. "Mein Sohn Saib ist von in zivil gekleideten Elementen des militärischen Sicherheitsdienstes am 15. November 1994 um 19 Uhr 30, am Ausgang der Moschee der Rue Didouche Mourad, im Zentrum Algiers entführt worden. Sofort habe ich dem Präsident Zeroual, dem Justiz- und Innenminister, dem Observatorium für Menschenrechte, Frau Zeroual, dem Chef des militärischen Sicherheitsdienstes, General Toufik geschrieben. Letzterer war der einzige, der den Empfang des Briefes nicht bestätigt hat. Ein hoher Beamte hat mich auf sehr korrekte Weise empfangen. Er hat mir empfohlen, ein Gedächtnisprotokoll zu verfassen." Sagt er und fügt hinzu: "Mit all diesen Briefen, glaube ich nicht, daß ich ihm Gutes angetan habe." Wenn er sie trotzdem geschickt hat, erklärt er, dann, damit Saib, falls er noch lebt, "ihm nicht vorwerfen kann, nichts getan zu haben."

Saib, dreißig Jahre alt und als Biologe ausgebildet ging regelmäßig in die Moschee: "Die, die uns regieren, mögen die gebildeten Menschen nicht, die ihre Gebete verrichten" sagt sein Vater. "Regelmäßig" fügt er hinzu, "schickt mir die Gendarmerie die Stellungsbefehle, damit Saib sein Militärdienst absolviert. Ich habe ihnen geantwortet: 'Mein Sohn ist in Euren Händen'" Der Vater des jungen Mannes verlangt von den staatlichen Stellen nur eine Sache: daß sie sagen "ob er tot oder lebendig ist"

Alle Familien wollen wissen, ob ihr Kind, ihr Ehemann noch am Leben ist. Das ist ihre Priorität. "Als ich die Zeitung Liberté las, verstand ich, daß mein Sohn, Seemann bei der Handelsmarine in einen Waffenschmuggel in Oran verwickelt war." erzählt der Vater des dreißigjährigen Rachid. "Seit zweieinhalb Jahren habe ich keine Nachricht von ihm. Wenn er erschossen wurde, dann soll man mir wenigstens die Nummer seines Grabes geben, mir seine Leiche übermitteln." Sagt er und zeigt das Foto eines jungen Mannes mit feinem Schnäuzer.

Die Mutter von Fathia ist nicht mehr von Angst gepeinigt. Sie ist überzeugt davon, daß ihre neunundzwanzigjährige Tochter, die vor drei Jahren "von Mitgliedern des militärischen Sicherheitsdienstes - besser gesagt Unsicherheitsdienstes entführt wurde", heute verstorben ist. "All meine Briefe sind unbeantwortet geblieben, aber eine Freundin, die mit einem Polizeikommissar verheiratet ist, sagte mir sie in Chateauneuf (eine Folterzentrum in Algier) sei unter der Folter gestorben. Sie ist unter einem anderen Namen, ich weiß nicht wo, begraben worden", erzählt sie leise weinend. Ihr Verbrechen? "Über eine Freundin, die Journalistin ist, hatte Fathia Dinge erfahren, die sie nicht wissen durfte". Sie wird nichts weiteres hinzufügen.

Es ist unmöglich, die Zahl der in den letzten Jahren nach einer Entführung durch Sicherheitskräfte verschwundenen Personen zu bestimmen. Manche Quellen schätzen die Zahl auf 2000 Personen. Die Fédération Internationale des Ligues des Droits de l'Homme (Internationale Föderation der Menschenrechtsligen, FIDH), schätzt in ihrem im Juni veröffentlichten Bericht, daß die Zahl von "2000 Verschwundenen, die den Sicherheitskräften zuzuschreiben sind, sicherlich weit unter der Realität liegt".

Am Sitz des Observatorium für Menschenrechte (ONDH), eine offizielle algerische Organisation, weist man die Schätzung zurück. "Es gibt nur einige individuelle Fälle von Verschwundenen", behauptet der Präsident des Observatoriums, Rezzag-Bara. "Ein Teil der Verschwundenen sind in Wirklichkeit 'Terroristen' (offizielle Bezeichnung für Islamisten), die insgeheim in den Maquis (in die Berge) gegangen sind. Darüber hinaus sind viele der verschwundenen Personen von terroristischen Gruppen entführt worden, die sich als Sicherheitsagenten präsentieren. Die den Sicherheitskräften zuzuchreibenden Entführungen sind Ausnahmen" schließt er.

Die Familien der Verschwundenen widersprechen dieser Darstellung, die das Regime weißwäscht. "Omar ist mit Freunden entführt worden, 1995 auf der Straße zwischen unserem Haus und der Universität, in der Nähe von El-Harrach" erzählt sein Vater. "Seine Freunde sind freigelassen worden, er nicht. Über andere Gefangene habe ich erfahren, daß er in Chateauneuf inhaftiert war. Bei Gericht sagen sie mir, daß er auf der Flucht ist. Ich weiß, daß es falsch ist."

Die Mutter von Toufik, einunddreißig Jahre alt, glaubt auch nicht an die Unschuld der Sicherheitskräfte: "Als die Armee vor dreizehn Monaten, um 10 Uhr morgens meinen Sohn in dem Geschäft für Ersatzteile seines Schwagers festgenommen hat, waren zwei Zeugen anwesend. Der eine war minderjährig. Der andere machte eine Zeugenaussage. Das hat nichts genutzt. Ich bin zur Kaserne in Baraki gegangen, zu der in Eucalyptus, zum Gericht, zum Justizministerium von El Biar, zum Gericht von El Harrach, wo man mir sagte, ich solle zur Gendarmerie von Baraki gehen. Dort hat man meine Beschwerde registriert. Ich habe auch dem General Lamari (Armeechef) geschrieben."

Mohamed, ein dreißigjähriger Maurer wurde am 16. Mai 1996 gegen 8 Uhr morgens in Baraki im Rahmen einer Durchkämmungsaktion festgenommen. "Ich bin überall gewesen", sagt sein Vater, ein Eisenbahner. "Die Sicherheitskräfte behaupten, daß sie nicht diejenigen waren, die ihn festgenommen haben. Aber ich habe sie gesehen", versichert er. Die Geschichte, die die Mutter von Hassan, einem Mechaniker, erzählt, ist nicht viel anders. "Die Polizei hat Hassan vor zwei Jahren festgenommen, um 2 Uhr morgens bei uns in Kouba. Eine Woche später haben sie einen seiner jüngeren Brüder, der nur fünfzehn Jahre alt ist, abgeholt. Bei ihm wissen wir, daß er im Gefängnis von El-Harrach ist. Aber Hassan? Damals war er 26 Jahre alt. Heute versichert die Polizei, sie habe nichts damit zu tun. Warum haben sie ihn festgenommen? Er arbeitete und ernährte elf Personen."

Die - einzige - Tochter von Djami war vier Monate alt, als ihr Vater, ein Journalist von Sicherheitskräften entführt wurde. Heute ist sie älter als zwei Jahre und hat ihren Vater noch nicht wiedergesehen. "Mitten auf der Straße entführt, vor Zeugen, und mit Gewalt in einem nicht identifizierten Auto mitgenommen", erklärt seine Ehefrau, eine Englischlehrerin. "Anfangs hat man mir glaubhaft machen wollen, daß er von Terroristen entführt wurde. Dann, daß er ins Ausland gegangen sei, um einer Frau zu folgen." fügt sie hinzu. Das Verbrechen ihres Mannes, der schon Einmal aufgrund eines Artikels inhaftiert worden war? "Er war ein Muslim. Er verrichtete seine Gebete."

Wenn man den Familien der Verschwundenen Glauben schenkt, sind Durchkämmungsaktionen in den ärmeren Vierteln der Hauptstadt üblich. Mit der Gefahr, daß diejenigen, die in den Razzien festgenommen werden, "verschwinden". "Uns ist es lieber, unsere Kinder im Gefängnis als auf der Straße zu sehen" sagt eine Mutter und die anderen Frauen, die sie umgeben, nicken zustimmend.

Aber wissen sie, was in den Gefängnissen geschieht? Die Berichte sind selten. Ein politischer Gefangener, der freigelassen wird, spricht nicht viel. Derjenige, der bereit ist, über seine Haftbedingungen zu berichten, tut dies nur in der Anonymität. Er flüstert mehr, als daß er spricht. "Eines Morgens im Jahr 1994, erzählt ein Ingenieur, der Anfang 1997 freigelassen wurde, hat man die Tür meines Hauses aufgebrochen. Man schleifte mich in den Flur, mein Hemd über den Kopf gezogen, damit ich nichts sehe. Eine halbe Stunde später fand ich mich in einem Folterzentrum wieder. Ich habe nie in Erfahrung bringen können, wo es liegt. Zuerst haben sie mich auf einen Stuhl gesetzt, die Hände hinter den Rücken gebunden. Meine Gesprächspartner - es waren fünf oder sechs - haben mir nie Fragen gestellt. Sie wollten nur, daß ich ihnen mein Leben erzähle. Und sie schlugen mich, sie schlugen mich... Das war nur der Anfang. Sie haben mich dann auf eine Bank gefesselt - nackt - wie eine Wurst." Eine der für das Verhör verantwortlichen Personen versichert dem Gefangenen, die Kordel sei "importiert" also solide...

Die Folterungen können wieder beginnen... Sie gehen vom erzwungenen Schlucken von Brackwasser bis zum Auskippen von Schwefelsäure auf die Wunden, eine Behandlung, die oft den jungen Gefangenen erteilt wird. "Ich habe auch Gefangene gesehen, die auf dem gesamten Körper Spuren von Bohrmaschinen oder Zigarettenverbrennungen trugen. Ich habe einen anderen gesehen, dessen rechtes Auge war aus der Augenhöhle gerissen worden war und heraushing. Eines Tages wurde er gerufen und wir haben ihn nie mehr wiedergesehen. Am Ende ist man kein Mensch mehr, man ist nicht mal mehr ein Tier. Man ist nichts. Man gesteht alles. Ich glaube selbst die Gestapo hat so etwas nicht gemacht" erzählt der ehemalige Gefangene mit langsamer Stimme.

 

Der etwa vierzigjährige Mann zeigt beim Sprechen einen Mund, in dem kaum mehr Zähne sind. Hat er sie im Gefängnis verloren? "Ja, während der Folter, antwortet er. Ich weiß nicht mal, ob ich sie verschluckt oder ausgespuckt habe als ich in ihren Händen war."

Wenn sie nicht gerade gefoltert werden, sind die Gefangenen, deren Zahl zwischen zwanzig und vierzig , je nach Periode, schwanken kann, in einem kleinen Raum zusammengepfercht. "Wir schliefen Kopf an Fuß, die einen an die anderen geleht, nicht auf dem Rücken, sondern auf der Seite, aus Platzmangel. Wir stanken, wir waren schmutzig, voller Läuse - ich habe viel über Läuse erfahren."

Es gibt keine Toiletten in der Gemeinschaftszelle. "Wir gingen alle drei Tage etwa auf die Toilette " erzählt der ehemalige Gefangene. Das Essen ist entsprechend: gering und von schlechter Qualität. "Man teilte uns alle zwei oder drei Tage eine trockene Brotkruste aus. Das waren Reste, an denen andere sich den Mund abgeputzt hatten: sie trugen Spuren Roter Beete. Manchmal gab man uns eine rohe Zwiebel". Seltsamerweise werden die Gefangenen bevor sie eingesperrt werden nicht durchsucht. Sie behalten ihre Papiere und ihr Geld, wenn sie welches haben. So können die älteren unter den Gefangenen von manchen Wächtern heimlich Plätzchen kaufen.

Unter den Gefangenen spricht man nicht, erklärt der ehemalige Gefangene. "Man mißtraut jedem. Man weiß nie, mit wem man es zu tun hat und ob Dein Nachbar später unter der Folter nicht alles erzählen wird."

Der Mann, der dieses erzählt, ist eine Woche lang gefoltert worden. Aber er wurde drei Monate in dem Zentrum gefangen gehalten. Wartend. "Das Warten ist härter als die Folter, man hört die Leute in der Nacht, am Tage schreien. Also lebt man mit der Furcht gerufen zu werden und nie mehr zurückzukehren.

Nach drei Monaten wird der Gefangene dem Richter vorgeführt. Das außergerichtliche Verfahren ist beendet. Etwa zwanzig Anklagepunkte werden gegen den Verdächtigen erhoben, genau die, die immer erwähnt werden, wenn der Angeklagte ein mutmaßlicher Islamist ist. Die Algerier sagen zu diesem Sammelsurium "Korb".

"Der Richter hat mir gesagt:' Zu ihrer Sicherheit werde ich Sie in ein richtiges Gefängnis schicken'. Also wurde ich nach Serkadji verlegt." Diese Anstalt hat keinen guten Ruf, seitdem im Februar 1995 eine Meuterei mit Gewalt unterdrückt wurde (mindestens hundert Gefangene wurden getötet). "In Serkadji hatte ich den Eindruck in den USA zu sein (wo er noch nie war)", schließt er. Drei Mal angeklagt und mit drei eingestellten Verfahren wird der Mann freigelassen, nachdem er über tausend Tage in Haft war.

 

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