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Entführung und extralegale Tötung

Maître Mahfoud Khelili
Vorsitzender des Syndicat National des Avocats Algériens

Opfer: Youcef Zenati, 18 Jahre alt (ist als "Verschwundener" registriert)

Mutmaßlicher Täter: Lahcen Idroudj, ehemaliger Chef der Brigade der Gendarmerie von Eucalyptus (er soll gegenwärtig in Ziama-Mansouria stationiert sein).

Die Familie des Opfers berichtet:

Am 14. Dezember 1994 saß der junge Youcef Zenati mit seinem Vetter Abdelkader Zenati vor der Wohnungstür, als ein weißes Auto der Marke Peugeot 405 anhielt. Der Fahrer trug einen Pullover mit halblangen Armen, und die zwei anderen Insassen trugen am Oberkörper Zivilkleidung. Als sie ausstiegen, sah man, daß sie mit Fallschirmjägerhosen bekleidet waren und Maschinengewehre bei sich hatten. Ihr Fahrzeug hatte ein Nummernschild aus Jijel (18) und war desöfteren bei Attentaten, die in den Vierteln El-Djemhouria - Chateaurouge - in der Siedlung Beylot gesehen worden.

Während der junge Vetter des Opfers in Panik geriet und floh, blieb Youcef auf der Stelle stehen, da er wußte, daß er sich nichts vorzuwerfen hatte. Der Fahrer schoß auf Abdelkader, der am Bein verletzt wurde und verschleppte mit Gewalt Youcef, den er in den Kofferraum einsperrte.

Seit diesem Tag (14. Dezember 1994 um 19.45 Uhr) ist Youcef "verschwunden". Der verletzte Vetter wurde von der Familie zur Gendarmerie gebracht, um den Fall zu schildern und Anzeige zu erstatten, da sie zu diesem Zeitpunkt nicht wußten, wer die Täter waren. In der Gendarmerie erkannte Abdelkader denjenigen wieder, der das Auto gefahren und auf ihn geschossen hat. Er meldete dies den Gendarmen, die ihn wie die anderen Familienmitglieder beschimpfen, schlagen, und drohen.

Der Brigadechef befahl seinen Untergebenen, den Verletzten zum Krankenhaus zu bringen und ein Protokoll aufzunehmen, das "terroristische Aktivitäten" aufführen sollte. Der Brigadechef bestritt, an der Entführung von Youcef teilgenommen zu haben. Erst nachdem die Familie ihre eigenen Recherchen angestrengt hatte, brachte sie in Erfahrung, daß Youcef, der um 19.45 Uhr vom Kommando des Brigadechefs entführt worden war, um 20 Uhr etwa drei Kilometer von seinem Wohnhaus entfernt, an einem Ort namens "Radar" gegenüber der ENESA, hingerichtet worden war. Familienangehörige haben dort Blutspuren gesehen. Anwohner hatten ihnen gesagt, sie hätten mit Erstaunen um diese Uhrzeit eine Gewehrsalve gehört.

Der Vetter des Opfers wurde dem Staatsanwalt von El Harrach vorgeführt und aufgrund von angeblich begangenen "terroristischen" Taten, die später im Prozeß widerlegt wurden, inhaftiert, während die Familie das Geheimnis um das "Verschwinden" von Youcef gelüftet hat.

Nachdem Youcef kaltblütig von seinem Entführer niedergeschossen worden war, transportierten ihn die Gendarmen zur Brigade und leiteten die nötigen juristischen Schritte ein, die seinen gewalttätigen Tod rechtfertigen sollten, nämlich einen Tod als Folge einer bewaffneten Auseinandersetzung. Diese Vertuschung der Todesursache wird im Laufe der Recherchen immer deutlicher zu Tage treten.

Als die Gendarmen das Verfahren gegen ihn bürokratisch vorbereitet hatten, riefen sie den Zivilschutz der Kaserne vom Hafen von Algier, der sich 10 km weit entfernt befindet, anstatt sich an den Zivilschutz von Eucalyptus oder El-Harrach zu wenden. Der Leichnam wurde zum Leichenschauhaus transportiert (Tod Nr. 301, Saal 3, Fach 10), bevor er auf dem Friedhof von El-Alia unter der Bezeichnung "X-algérien, 24 Jahre alt" beerdigt wurde (Grab Nr. 309, Karree Nr. 218). (...) Die Bestattungserlaubnis wurde von der Staatsanwaltschaft am 19. Dezember 1994 erteilt, und die Bestattung erfolgte am 20. Dezember 1994.

Die entsprechende Akte im Leichenschauhaus enthält viele Hinweise, die auf die Verantwortung des Chefs der Brigade schließen lassen: Die Zulassung zum Leichenschauhaus erfolgte auf Antrag des Chefs der Brigade von Eucalyptus. Das Schreiben war mit seiner Unterschrift und dem Stempel seiner Einheit versehen. Die Familie ging zum Friedhof El-Alia und fand dort in den Unterlagen den Nachweis, daß der Chef der Brigade die Bestattung veranlaßt hatte. Nach diesen Entdeckungen zögerte die Familie nicht, das Grab zu öffnen. Sie stellte fest:

Der Leichnam von Youcef war dort bestattet. Der Körper wies Einschüsse im Rücken (von einer Gewehrsalve) und an der Schläfe auf. Er ist auf die Schnelle beerdigt worden und liegt nicht in Richtung Mekka gewandt, wie es die religiöse Pflicht eigentlich verlangt.

Er trug ein braunes Hemd und einen grünen Rollkragenpullover. An seinen Füßen lag ein weißer Sportanzug mit der italienischen Fahne. Dieser war voller Blut und hatte eine wichtiges Merkmal: die Abdrücke von zwei Schlägen durch Rangers (Militärschuhe) im Rücken, was vermuten läßt, daß das Opfer zwei Fußtritte erhalten hatte, bevor es mit einer Salve in den Rücken niedergeschossen wurde und schließlich den Gnadenstoß mit einem Schuß im Kopf erhielt.

Dem Opfer sind, bevor es zum Leichenschauhaus transportiert wurde, alle Papiere entwendet worden.

Bei der Staatsanwaltschaft ist die Bestattungserlaubnis ausgestellt worden nachdem die Todesursache auf eine bewaffneten Auseinandersetzung zurückgeführt worden war.

Die Familie hat nach ihren Entdeckungen bei der Gendarmerie versucht, die Todesursache richtigzustellen. Die Gendarmen sind umgehend zum Leichenschauhaus gefahren und haben das Personal zusammengeschlagen.

Das Auto, mit dem Youcef entführt wurde, ist verschwunden, und der Chef der Brigade versetzt worden.

Die Familie wird weiterhin verfolgt: der Vater ist vor kurzem vorgeladen worden, um fünf Jahre nach dem Vorfall ein Protokoll zu unterschreiben. Er hat es abgelehnt und wurde angegriffen, weil er gewagt hatte, die Gendarmen zu beschuldigen.

 

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