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Beispiele von Massakern an Zivilisten

Die Geschichte von Ténès:

[...] Am Montag dem 25. April 1994 um 10 Uhr lockt eine bewaffnete Gruppe eine Einheit der Armee in einen Hinterhalt, etwa 20 Kilometer östlich von Ténès, auf der Straße nach Algier. Durch diese Operation kommen 16 Militärs um, darunter ein Kapitän und ein Leutnant und es werden 20 Soldaten verletzt. Trotz der Hubschrauber, die den ganzen Tag die Region durchkämmten, konnten die Mitglieder der bewaffneten Gruppe allesamt zu ihrer Basis zurückkehren und Waffen mitnehmen. Am 26. April wurde eine Verstärkung von drei Bataillonen unter dem Schutz von 5 Hubschraubern vor Ort entsendet. Das Gebiet wurde in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometern durchkämmt. Die Operation bestand aus der Durchsuchung der Dörfer. [...] Am selben Tag erschien in der Stadt Ténès eine Gruppe des verbrecherischen und feigen Militärsicherheitsdienstes (SM) im Haus der Familie Bouchareb, deren Vater und Sohn gesucht wurden. Bevor sie das Haus mit Dynamit zerstörten, haben sie die Ersparnisse der Familie (10 000 Dinar), den Schmuck, Möbel und andere Wertsachen gestohlen. Nachdem die Durchkämmungsoperationen gescheitert waren, sind die Söldner des Regimes zu massiven Festnahmen übergegangen. In der Nacht vom 28. zum 29. April haben sie ab ein Uhr morgens die Opfer aus ihren Betten gerissen.

Die Methode der Entführung

Die Trupps der SM hatten Bärte und trugen die Kachabia (traditionelles gewebtes Männergewand aus Wolle) und Stirnbänder mit der Aufschrift La Illaha illa Allah (Es gibt keinen Gott außer Gott). Sie klopften an die Türen und riefen "Öffnet, wir sind die Ikhwan" (die Brüder). Die Durchsuchung der Wohnungen ihrer Opfer diente allein der Suche nach Geld, Schmuck und Wertsachen, die sie systematisch entwendeten. Am darauffolgenden Tag waren die Wände der Stadt mit Plakaten beklebt, unterschrieben mit OJAL Sektion von Ténès. Diese Plakate waren vorzugsweise dort geklebt, wo sie in der Nacht zuvor gewütet hatten. Es waren Kommuniqués, da darauf wörtlich stand: 'die Todesstrafe für jeden, der Terroristen hilft, und sei es mit einem Tropfen Wasser'.

Das Schicksal der Opfer

In den darauffolgenden Tagen gingen beängstigende Informationen über massive Festnahmen von Personen um, die den Islam zum einzigen Glaubensbekenntnis in ihrem Leben erheben. Am Mittwoch dem 4. Mai 1994 bemerkten die Bewohner von El-Marsa (30 Kilometer westlich von Ténès) den Abzug der Armeehorden und stellten gleichzeitig fest, daß Geier über die umliegenden Wälder kreisen. So wurden Leichenberge entdeckt, die jeweils aus 10 bis 15 Körpern bestanden, alle miteinander durch einen Eisendraht verbunden und zur Hälfte verbrannt. Die meisten Opfer waren durch gezielte Verbrennungen des Gesichtes unkenntlich gemacht worden. Zeugen, die die Wälder bewohnen, berichten, die Märtyrer gehört und gesehen zu haben, als sie die Qual des Feuers erlitten. Ihre Schreie waren so schrecklich, daß selbst ihre Henker sie nicht ertrugen und ihrer Agonie mit Schüssen ein Ende setzten. Andere Gefolterte wurden auf den Baumkronen entdeckt, sie waren auf den Zweigen aufgespießt. Diese Märtyrer waren von Hubschraubern hinunter geworfen worden. Die Zahl der Opfer beträgt 173. Das Dorf Taougrit zählt die meisten Opfer. Die 65 Menschen, die am Ende des Freitagsgebetes am 29. April festgenommen worden waren, sind alle hingerichtet worden. Andere benachbarte Dörfer, Ouled Boudoua und Sidi Moussa haben einen ähnlichen Genozid erfahren. (Es folgt eine Liste von 12 Opfern aus Ténès selbst.) Die Liste wäre noch länger, wenn nicht viele der Brüder geflohen wären. In Tala-Aassa, einem kleinen Dorf in den Bergen von Dahra haben sie anstelle desjenigen, den sie suchten, den Bruder und den dreizehnjährigen Sohn mitgenommen. Sie wurden verbrannt in den Leichenbergen gefunden. Es handelt sich um die Bensari... (Livre Blanc, Tome 1, 77).

Anfang März 1996 findet in Sidi-Moussa (südöstlich von Algier) nach dem Mord zweier Fallschirmjäger ein Massaker statt. Das Gebiet wird umstellt und das Militär zerrt über 30 junge Männer, die mit dem Vorfall nichts zu tun hatten, aus ihren Häusern. Sie enthaupten sie und werfen die Köpfe auf eine Kreuzung und auf eine Müllhalde.

In der Provinz Relizane werden im Mai 1996 sieben Häuser gesprengt. Die Besitzer und Bewohner werden beschuldigt, die FIS zu unterstützen. Einige der Betroffenen waren schon vor zwei Jahren von Sicherheitskräften entführt worden, andere befanden sich seit dem Abbruch der Wahlen in Haft und wiederum andere hatten überhaupt keine Beziehung zur islamistischen Bewegung.

Im Mai 1996 wurden in Ouadhi-Rhiou sechs Häuser von der Armee zerstört.

Nach einem Angriff von bewaffneten Gruppen auf einen Militärkonvoi, bei dem 72 Soldaten ums Leben kamen, darunter 2 Offiziere und 12 Unteroffiziere, wurden Anfang Juni 1996 in der Wilaya Tlemcen fünf Dörfer von der Luftwaffe bombardiert und zerstört.

Am 21. April 1997 fand ein Massaker in Bougara statt. Einige Tage zuvor waren 14 Fallschirmjäger während eines Zusammenstoßes mit bewaffneten Islamisten in der Region von Bougara ums Leben gekommen. Einen Tag nach diesem Ereignis erschienen fremde Zivilisten in der Stadt. Sie fielen allen Bewohnern auf. Einige Stunden vor dem Massaker wurde die Stadt von diesen Personen umzingelt. Die anderen Sicherheitskräfte , die an dem Ort stationiert waren, verschwanden in ihre jeweiligen Kasernen. Das Massaker begann mit großen Lärm, weil die verstärkten Türen der Wohnhäuser gesprengt wurden. Eine Einheit von Fallschirmjägern begannen Männern, Frauen und Kindern die Kehle durchzuschneiden. Sie gingen methodisch vor. Das Massaker dauerte Stunden. Die Sicherheitskräfte hörten die Schreie und Klagen der Opfer ohne zu intervenieren. Der Befehl kam vom Kommandanten des Sektors. Die genaue Zahl der Opfer ist noch unbekannt aber wir wissen, daß mindestens 135 Leichen begraben wurden, während mehrere Dutzend noch an der Oberfläche lagen. (aus: Algerien, staatliche Gewalt und Repression).

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