Observatorium für Menschenrechte in Algerien  
   

Zeugnis über die Folter

"Weder Bouteflika noch dein Gott können dich vor uns retten"

Mohamed Belkheir, geboren am 6. März 1964 in Thénia (Boumerdes), wohnhaft in Lakhdaria, verheiratet und Vater von zwei Kindern, Gastwirt.

Observatorium für Menschenrechte in Algerien, Algeria-Watch, 13. Mai 2003

Ich wurde in der Nacht vom 16. zum 17. März 2003 um 00.30 Uhr von bewaffneten Männern festgenommen. Sie sagten, sie seien weder Polizisten noch Gendarmen, sondern, die "Götter Algeriens". Während meiner Festnahme haben diese Männer meine 4 und 11 Jahre alten Kinder durch ihre Schreie, Beschimpfungen und Bedrohungen aufgeweckt. Mir wurden vor den Kindern und meiner Ehefrau die Arme auf den Rücken gefesselt, und ich wurde nach draußen gedrängt. Meine Frau, die nach einer Erklärung für diese willkürliche Festnahme verlangte, wurde geschubst und ohne Rücksicht geschlagen.
Ich wurde in einen weißen Geländewagen der Marke Toyota ohne Nummernschild geworfen und musste den Kopf zwischen den Knien halten. Ich konnte die Schlange, die aus 5 Autos der gleichen Marke und einem Peugeot 405 bestand, beobachten. Einige der Männer, die mich entführten, trugen schwarze Kampfanzüge. Manche trugen Militärhelme, andere waren in Zivil. Alle hatten Kalaschnikows. Einige hatten Walkie-Talkies und kugelsichere Westen.

Während meines Transfers wurde ich an der Hand mit Haschischzigaretten, deren Geruch ich kenne, verbrannt. In der Nähe von Ben Aknoun, stülpten sie mir meine Jacke über den Kopf, damit ich nicht erkennen konnte, wohin wir fuhren. Ich merkte, dass wir nach Ben Aknoun (Vorort von Algier) fuhren. Ich kann aber nicht sagen, an welchem Ort ich zehn Tage lang eingesperrt wurde.
Sobald ich ankam, ordnete man mir brutal an, mich auszuziehen und eine grüne Militäruniform anzuziehen, die aus einer Hose und einer Kampfweste der algerischen Armee bestand. Ich wurde in der Zelle Nummer 3 gegenüber den Toiletten eingesperrt. Diese Zelle ist ein Meter breit und zweieinhalb Meter lang (bestehend aus acht 30 cm breiten Linoleumplatten). Die Wände sind bis in eine Höhe von eineinhalb Metern gekachelt. Diese Einrichtungen schienen mir vor kurzer Zeit vorgenommen worden zu sein. Aus der Ritze des Kuckfensters an der Tür sah ich 18 Zellen, die in zwei Reihen durch einen Flur getrennt waren. Während ich in der Zelle Nr. 3 war, hörte ich die Schreie eines Gefolterten. Nachdem ich die Tür der Zelle des Gefolterten sich öffnen und schließen hörte, holte man mich ab.

Ungefähr 20 Minuten nach meiner Ankunft war ich an der Reihe. Ich sollte gebückt aus der Zelle gehen und musste mich unter Schlägen und Beschimpfungen fortbewegen. Ich hörte: "Weder Bouteflika noch dein Gott können dich vor uns retten, wir können dich töten, wie wir dich freilassen können, die Entscheidung treffen wir." So wurde ich in ein Büro gebracht, wo sich acht Männer aufhielten, die böse Gesichter machten und sich wie Ganoven benahmen. Sie behaupteten, dem DRS anzugehören. Ich sollte mich auf einen Eisenstuhl setzen, der fest im Boden verankert war. Ich wollte die Gründe für die Festnahme wissen. Doch bevor ich den Satz zu Ende sprechen konnte, wurde ich auf Befehl ihres Chefs von den Folterern geschlagen. Sie sagten mir: "Entweder du sprichst hier oder du erlebst den Chiffon!" Ich wollte weiterhin wissen, warum ich mich in diesen Räumen befand. Sie schleppten mich in einen Saal, in dem ein Foltertisch mit weißen Gurten stand. Am Tischende befand sich ein aufgeschnittener 5-Liter-Plastikkanister, der mit Wasser gefüllt war. Sie zogen mich nackt aus und schnallten mich auf diesem Tisch fest. Arme, Beine, Schenkel, Füße und Brust wurden mit den Gurten festgeschnallt. Sie legten meine nasse Unterhose auf meinen Mund und verbanden meine Augen mit meinem Unterhemd. Bevor sie mit den Folterungen begangen, sagten sie mir: "Wenn du sprechen willst, hebe deinen rechten Zeigefinger!" Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, wurde ich stundenlang gefoltert. Ich bekam keine Luft. Sie gossen mir Seifenwasser in den Mund, während andere mich mit einem dicken Stromkabel auf alle Körperteile schlugen, aber vor allem auf meine Geschlechtsteile. Die Sitzung wurde für wenige Sekunden unterbrochen, um mir Gelegenheit zum Sprechen und zum Beantworten der Fragen meiner Peiniger zu geben. Ich verstand sie nicht. Da ich nichts zu sagen hatte, nahmen sie die Folterungen auf noch brutalerer Weise wieder auf.

Ich wurde dann von den Gurten befreit und mit einem Spitzhackenstiel auf das Gesäß geschlagen. Sie führten mich zur Zelle zurück. Bevor sie die Tür schlossen, sagten sie mir, dass ich nachdenken sollte, sie hätten Zeit.

Nach den körperlichen Folterungen kamen die psychischen. Am Abend des 17. März 2003 wurde ich erneut in den Verhörsaal geführt. Man sagte mir: "Entweder du sprichst oder wir holen deine Frau, die wir den Terroristen schenken, die in den Nachbarzellen eingesperrt sind." Unter diesen Umständen und da ich wusste, dass meine Frau mich draußen suchen würde, habe ich beschlossen, meine Qual abzukürzen, indem ich alle denunzierte, Nachbarn und Freunde. Da sie mit meinen Aussagen nicht zufrieden waren, brachten sie mich vom Verhörraum in den Foltersaal, wo sie mir die Augen verbanden und mich erneut auf dem Tisch festgeschnallten. Ich wurde dieses Mal mit Strom gefoltert: Sie wickelten ein Kabel um meinen nassen linken Zeh, dann legten sie auf mein Geschlechtsteil ein anderes Kabel, durch das ein Stromstoß lief. Sie wandten Chiffon- und Strommethode abwechselnd an. Diese Folterungen dauerten bis zum Sonntag, den 23. März. Jeden Tag folterten sie mich morgens, und abends erlitt ich erschöpft die psychischen Folterungen (Beschimpfungen und Androhungen, meine Frau zu holen und sie vor mir und den Folterern auszuziehen).

Ich hörte die Schreie der anderen Gefangenen. Ich hatte sehr große Angst vor diesen Verrückten, die zu allem fähig waren. Sie beschimpften alle: die Justiz, die NGO, politische Parteien, vor allem Aït-Ahmed (FFS) und Präsident Bouteflika mit seiner Politik der Versöhnung. Ein Folterer sagte: "Wenn Bouteflika das Problem des Terrorismus löst, mit wem werden wir dann arbeiten?"

Am Freitag, den 21. März, wurde ich den ganzen Tag nicht gefoltert.
Am Sonntag, den 23. März, sollte ich ein Stapel Blätter unterschreiben, ohne dass ich irgendetwas davon lesen konnte. Und unter der Drohung, wieder auf den Foltertisch gebracht zu werden, beschloss ich, alles zu unterschreiben, um diesen schrecklichen Ort und diese ungebildeten Folterer zu verlassen zu können und der Justiz vorgeführt zu werden. Ein Arzt untersuchte mich und stellte ein Attest aus, ohne die Verletzungen zu berücksichtigen, die ich ihm aber gezeigt hatte. Ich denke, er ist ein Komplize, der im Dienste des DRS arbeitet.

Ich wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt und unter der Androhung eine Strafe, falls ich dem Protokoll des DRS widersprechen sollte, nach Serkadji gebracht. Ich konnte aber dem Arzt des Gefängnisses die deutlichen Spuren der Folterungen zeigen. Er stellte ein Attest aus, das vom Direktor des Gefängnisses gegengezeichnet wurde. Eine Kopie dieser Bescheinigung wurde dem Untersuchungsrichter der 5. Kammer des Gerichts Algier zugeschickt. Ich wurde am 26. März 2003 in das Gefängnis gebracht, aber erst am 2. April von einem Arzt untersucht.

Ich habe keine Verbindungen zu Terroristen, weder von nahem noch von weitem. Ich bin ein einfacher Demokrat, der für seine Liebenswürdigkeit und seine Erziehung allen in der Region von Lakhdaria bekannt ist. Ich habe während der Kommunalwahlen die Kampagne der FFS von Aït-Ahmed unterstützt. Ich habe die Foltermethoden der Sicherheitskräfte verurteilt, so wie ich ein Mitglied des Sicherheitsdienstes für seine Verantwortung in Fällen von "Verschwindenlassen" in der Region von Lakhdaria verurteilt habe. Um sich zu rächen, haben sie mich zu Unrecht und ohne Beweise angeschuldigt.

Ich bitte um Ihre Hilfe, ich bin unschuldig!

 
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