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Algerien: Armee in Massaker verstrickt

von John Phillips, Bentalha, The Observer, 26. Oktober 1997 Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

Als die Einwohner des Dorfes Bentalha von einer Bande, die sich daranmachte, ihre Türen mit Äxten einzuschlagen, angegriffen wurde, glaubten sie, daß die algerische Armee ein Massaker verhindern würde. Das Dorf, unweit der Hauptstadt Algier, liegt nur 500 Meter von Kasernen entfernt.

Aber die Soldaten griffen nicht ein. Vielen Frauen und älteren Männern wurden die Kehlen durchgeschnitten; und einige Überlebende berichteten, daß Kleinkinder in Öfen geschleudert und verbrannt wurden während der drei Stunden des Mordens, die folgten. Insgesamt gab es 217 Tote.

Dieses Massaker des vergangenen Monat, das letzte in einer Reihe immer brutalerer Massaker, die dieses Jahr bereits Tausenden das Leben kosteten, wurden ebenso wie die anderen islamischen Fundamentalisten angelastet. Doch Berichte von Überlebenden weisen auf ein hohes Maß an Komplizität seitens der Armee hin, was westliche Quellen in Algerien dazu bewegte, die offizielle Erklärung des Grauens, das das Land durchzieht, in Frage zu stellen.

Die Massaker, so sagen sie, dienen dem Interesse der Hardliner unter den Generälen, die jede Bewegung in Richtung auf einen Verhandlungsfrieden zwischen der Regierung des Brigade-Generals Liamine Zeroual und der Islamischen Heilsfront (FIS), der fundamentalistischen Oppositionspartei, unterbinden wollen.

Letzte Woche beschrieben die Augenzeugen des Blutbades in Bentalha, wie die Armee am 23. September nicht nur zuließ, daß das Gemetzel andauerte, sondern die Täter unbehelligt entkommen ließ.

Manche behaupteten sogar, daß Soldaten - oder von der Armee unterstützte Milizionäre - daran beteiligt gewesen seien.

Eine ältere Frau, die fliehen konnte, erzählte, daß sich die Soldaten näherten, während das Morden noch im Gange war, aber nicht eingriffen. Sie behaupteten, daß die Angreifer die Gegend mit Minen und Minenattrappen abgeriegelt hätten. "Ganz gewiß gab es Komplizität", sagte die Frau, die ihren Namen aus Angst nicht nennen wollte.

Verwirrung, Schock und Unglaube herrschte auf den Gesichtern der Überlebenden. Viele von ihnen trugen alte Jagdgewehre auf ihren Schultern, als sie ihre Qual schilderten.

In der Ferne stieg Rauch über der Straße auf, die über die üppigen Pfirsich- und Orangenhaine der Mitidja-Ebene nach Bentalha führt. Die "Patrioten" genannten Selbsverteidigungsgruppen haben die Pinien entlang der Hauptstraße niedergebrannt, um den terroristischen Islamischen Bewaffneten Gruppen (GIA), die dieses Gebiet nächtens von ihren Basen im nahegelegenen Atlas-Gebirge aus durchstreifen, alle Deckung zu nehmen.

"Die Mörder kamen um 23.30 Uhr und blieben bis ungefähr 2.30 Uhr", sagte Mohamed Saal, der in einer schwer befestigten Villa am Rande von Bentalha lebt. "Es waren etwa 35 bis 40. Die Hälfte war in Militäruniformen gekleidet. Die anderen trugen zivile Kleidung. Die in Militäruniformen hatten automatische Waffen. Die anderen trugen Messer und Äxte."

"Sie riefen: 'Öffnet, wir sind die Armee.' Dann schlugen sie die Türen mit Äxten ein. Alle schrien um Hilfe nach den Soldaten. Sie konnten unsere Schreie hören und das Schießen. Sie waren nicht weit weg, aber sie kamen nicht."

Im Friedhof von Siddi Rizzine, wo sich die durch den Tod Beraubten um die frisch ausgehobenen Gräber zur Totenklage versammelten, berichtete eine ältere Dame, Madame Laroussi, daß die jüngsten Dorfbewohner den fürchterlichsten Schrecken ausgesetzt wurden. "Die Angreifer warfen Kleinkinder in den Ofen und drehten das Gas an", klagte sie. "Sie töteten meinen Sohn, sie töteten meinen Sohn." Sie hielt die Hand einer schmächtigen, gerade verwaisten Enkeltochter.

In den vergangenen Tagen erlaubte die algerische Regierung ausländischen Reportern zum ersten Mal, mit Überlebenden zu sprechen.

Diese Initiative fiel zusammen mit Kommunalwahlen, von denen die regierende RND behauptete, sie mit über 55% Stimmenanteil gewonnen zu haben. Aber die Oppositionsparteien verwiesen auf zahlreiche Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung und prophezeiten, daß die Wahlen nicht zur Beendigung der Gewalt beitragen würden.

Das Massaker in Bentalha war eine der schlimmsten Episoden in einem fünf Jahre währenden Bürgerkrieg, der seit dem Abbruch der allgemeinen Wahlen, die die FIS gewonnen hätte, 1992 durch das Militär wütet.

Der Konflikt hat schätzungsweise 70000 Menschenleben gefordert. Viele der Opfer waren Zivilisten, die im "Dreieck des Todes" ermordet wurden, das sich von der Stadt Medea bis zu den südlichen Vorstädten der Hauptstadt erstreckt.

Der jüngste Ausbruch von Gewalt wird von Beobachtern in Verbindung gebracht mit einem Machtkampf zwischen den Generälen, die das Land beherrschen. Am 15. Juli wurde der FIS-Führer Abassi Madani aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest gestellt als Bestandteil eines probeweisen Abkommens mit Zeroual, das zur Beendigung des Krieges führen sollte.

Aber das Vorgehen des Präsidenten wurde von seinem hauptsächlichen Rivalen General Mohamed Lamari mißbilligt, dem Kopf der sogenannten Eradicateurs-Fraktion des Militärs, die jeden Kompromiß mit den Fundamentalisten ablehnt.

Westliche Militärexperten in Algier bestritten die Behauptungen der Armee, daß sie machtlos gewesen sei, das Massaker in Bentalha zu stoppen - wegen der Minen oder der Gefahr für Zivilisten beim Beschuß mit Panzern.

"Bei einem Eingreifen hätte es zivile Opfer gegeben, aber es wäre besser gewesen, die Terroristen zu töten", sagte ein westlicher Veteran von Spezialeinheiten, der in Algier arbeitet. "Die Armee hätte hineingehen und die Terroristen töten können, aber sie wollte es offensichtlich nicht."

Geheimdienstquellen glauben, daß die Armeeeinheiten in der Region von Algier angewiesen waren, in ein derartiges Massaker nicht einzugreifen, und daß die GIA-Banden, die diese Morde ausführten, von den algerischen Geheimdiensten stark infiltriert sind.

Ähnliche Fragen über das Verhalten der Armee wurden auch in Verbindung mit einem anderen Massaker in der nahegelegenen Stadt Sidi Rais aufgeworfen, wo im August etwa 300 Menschen getötet wurden.

"Meine Frau und ich schauten einen amerikanischen Film, Towering Inferno, als das Massaker begann", sagte Mohamed, ein 41-jähriger Bauingenieur, der sein ganzes Leben in Sidi Rais verbrachte. "Wir liefen gleich zur Polizeistation um Hilfe, als ich auf einen Terroristen stieß. Er versuchte mich, mit einer Axt zu töten, aber ich warf ihn zu Boden und schlug ihn, bevor ich mit meiner Familie fliehen konnte. Einige der Angreifer trugen Masken. Andere hatten offene Gesichter oder falsche Bärte und Perücken", erzählt er neben einem Kleinbus stehend, der völlig ausgebrannt ist.

Die Armee hat auch eine Basis in Sidi Rais. "Ich weiß nicht, ob die Soldaten eingriffen oder nicht", sagte Mohamed, als Sicherheitskräfte einschritten, um sein Gespräch mit den Reportern zu beenden. "ich erinnere mich nur noch daran, wie ich ins Krankenhaus gebracht wurde."

Diplomatische Kreise verlauteten, daß die Entscheidung, westlichen Medien Zugang zu gewähren, letzte Woche auf Druck durch die Vereinten Nationen erfolgte, die auf eine internationale Untersuchungskommission drängten, die in das Land kommen sollte, um die Verantwortlichen für die Massaker herauszufinden.

Aber zumindest im Moment scheint die algerische Regierung nicht willens, mehr zu tun, um die internationale Öffentlichkeit zu besänftigen.

Ahmed Attaf, der Außenminister, bestätigte, daß die Regierung keine Untersuchung der Massaker durchführen und keine "Einmischung" von außen dulden wird. "Diejenigen, die Zweifel streuen, sind unredlich", sagte er. "Wir wissen, wer der Mörder sind."

Viele in Algerien glauben, daß, solange die Wahrheit über die Morde verborgen bleibt, das Massaker in Bentalha nicht das letzte gewesen sein wird.

 

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