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Mindestens 200 Zivilisten massakriert

Das Grauen vor den Toren Algiers

Libération, 24. September 1997

Die Namen wurden in aller Eile mit Kreide auf die Särge geschrieben. "Samia, 4 Jahre", "Yacine, 3 Jahre", "Fatmia, 35 Jahre". Lastwagen mit Feuerwehrmännern bringen sie zum naheliegenden Friedhof, wo sieben Bagger weiter graben. Gestern, am späten Nachmittag hatte ein Journalist der AFP schon 8 Reihen mit 18 Gräbern gezählt. Eine Frau sucht ihr totes Kind. Ein Mann hat gerade seine massakrierte Familie entdeckt, die Körper liegen auf dem Lastwagen des Straßenbauamtes zusammengepfercht.

In der vorherigen Nacht haben bewaffnete Männer Bentalha, wenige Kilometer von Algier gelegen, angegriffen. Ein Sanitäter versichert, daß schon 202 Körper aus den abgebrannten Häusern geholt wurden, während ein Bewohner betont, daß noch Leichen in den Straßen lägen. Zahlen die von den Behörden als "fiktiv" angesehen werden, die eine Bilanz von 85 Toten und 67 Verletzten angeben. Die Sicherheitskräfte haben die Journalisten daran gehindert, zum Krankenhaus Zmirli von Algier zu gehen, wo die Verletzten hingebracht worden waren, während an dem Ort des Massakers, "die Militärs die Presse daran hinderten, sich den abgebrannten Häusern zu nähern", erzählt ein algerischer Reporter am Telefon. "Wenn sie uns sahen, entfernten sich die Überlebenden mit Zeichen der Ohnmacht. Einer von ihnen hat mir gesagt: ‘das Schweigen, das uns auferlegt wird, tötet uns ein zweites Mal"

Dieses herausragende Massaker bricht die relative Ruhe, die Algier die letzten Tage erfaßt hatte. Aber dieses neue Gemetzel scheint vor allem eine Antwort zu seinauf den Regierungschef Ahmed Ouyahia, der 24 Stunden vorher in einer Fernsehansprache versichert hatte, daß Algerien nunmehr nur noch mit einen "Rest-Terrorismus" konfrontiert sei.

"Zonen höchster Gefahr"

Das Viertel Bentalha, bis Montag zählte es 1500 Bewohner, ist das, was die Behörden eine "Zone höchster Gefahr" nennen. In diesem Wirrwarr von Notunterkünften, in der Nähe des großen Vorortes Baraki, hatten fast alle Menschen bei den Parlamentswahlen 1991, die kurz darauf annulliert wurden, für die Islamische Rettungsfront (FIS) gestimmt. In den letzten Wahlen, im Juni, war man wieder den Anweisungen der FIS, die jetzt im Untergrund agiert, gefolgt: Boykott der Urnen. Freitags haben die Militärs, pünktlich wie die Moscheezeiten, die Angewohnheit, nach dem Gebet zu kommen. Festnahmen, Schießereien. "Die Männer sind im Maquis, im Gefängnis oder arbeitslos", erzählt eine Mutter am Telefon. "Sie haben keine Wahl, versucht uns zu verstehen."

Es ist untertrieben zu sagen, daß Bentalha, seit Beginn der Krise unter Bewachung stand. Die Hauptzufahrtswege, die dorthin führen, die Nationalstraße und die Autobahn werden von Soldaten, unterstützt von einem Panzer, abgeriegelt. Sogar ein Militärfeldlager ist dort eingerichtet worden. "Das war eine echte Zange, man kann weder raus- noch reingehen ohne kontrolliert zu werden." erzählt ein Mann.

Zeugen in Tränen

Hier, in dieses seit sechs Jahren abgesperrte Viertel sind Montag abend Männer in Lastwagen, ohne daß man sie daran gehindert hätte, gekommen, laut verschiedenen in Paris gesammelten Informationen. "Als sie die Fahrzeuge in der Nacht ankommen hörten , hatten manche Bewohner verstanden. Sie sind geflohen. Als sie an den Sperren ankamen, haben die Militärs ihnen gesagt, sie sollten zurück gehen und versicherten, daß Hilfe kommen würde", erzählt ein Algerier, der im Süden Frankreichs als Techniker arbeitet. Er kann wegen seiner Weinkrämpfe kaum sprechen: Er hat gerade erfahren, daß zwölf Mitglieder seiner Familie massakriert wurden. Denn als seine Verwandten an jenem Abend nach Bentalha wieder zurückkehren, sind die bewaffneten Männer schon in den Straßen.

"Sie waren gut rasiert, überhaupt nicht abgemagert. Sehr ruhig, ließen sie die Menschen aus den Häusern treten, sehr methodisch. Die, die ablehnen, werden sofort getötet, mit der Axt, oder kommen unters Messer. Die anderen werden auf ein Gelände geführt, das als öffentlicher Versammlungsplatz dient. Dort sterben auch sie", fährt er fort. Dann hat der Terror keinen Namen mehr. Die Panik auch nicht. Durch Granaten und Schüssen aus automatischen Waffen, steigern die Angreifer sie noch mehr.

Gestern, um die Mittagszeit hat der Regierungssprecher im Fernsehen den Familien der Opfer sein Beileid mitgeteilt, um dann den Entschluß des Staates zu bekräftigen, gegen den "Terrorismus", ein Begriff, der die islamistischen Gruppen bezeichnet, die offiziell für dieses neue Massaker verantwortlich gemacht werden, zu kämpfen. Seinerseits bestätigte der Vertreter der FIS im Ausland, Abdelkrim Ould Adda, daß in Bentalha "eine Bevölkerung bestraft werden sollte, die eines Tages dem Projekt der FIS ihr Vertrauen geschenkt hatte. Das Regime hat weitgehend bewiesen, daß es unfähig ist, die Krise zu lösen".

Zur selben Zeit explodierte eine Bombe in einem Kaffee in Reghaia, dreißig Kilometer östlich von Algier, wo mindestens zwei Personen starben und 5 verletzt wurden.

 

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