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Erklärung

Europa, 2. September 1997

Nachdem in Algerien die Gewaltspirale, die mit dem Militärputsch von 1992 einsetzte, ein solches abgrundtiefes Verderben hervorgebracht hat; nachdem die Verbrechen eine ungeheuerliche Grenze überschritten haben, die jede Vorstellungskraft übersteigt; und nachdem die täglichen Massaker ein unbeschreibliches Ausmaß angenommen haben; ist für uns der Zeitpunkt gekommen, Zeugnis abzulegen über diese Greueltaten – soweit wir informiert sind –, und uns an die algerische wie internationale Öffentlichkeit zu wenden, weil wir erkannt haben, daß unter diesen Bedingungen das Schweigen über die Wirklichkeit ein Verbrechen gegen die Rechte des algerischen Volkes bedeutet.

Wir sind eine Gruppe von ehemaligen Offizieren und Beamten der Polizei, die jetzt in europäische Länder geflüchtet sind. Wir sind dem Höllenfeuer der Gewalt und der Gegengewalt entflohen, um uns den verbrecherischen Akten, die von einer Handvoll von Generälen gegen das unbewaffnete Volk verübt werden, zu entziehen.

Wir bekräftigen, daß die Massaker, die in Algerien stattfinden, hauptsächlich von folgenden Gruppen verübt werden:

Spezialtruppen und Geheimdienst,

Milizen und Organisationen, die die sogenannten "Eradicateurs" (Ausmerzer) Anfang 1992 gegründet haben, unter ihnen die OSL (Organisation Révolutionaire Libre) und die OJAL (Organisation des Jeunes Algériens Libres),

sogenannte Bewaffnete Islamische Gruppen (GIA), die ab 1994 endgültig infiltriert wurden, so daß sie vollkommen im Dienste des Geheimdienstes standen.

 

Am Anfang waren wir davon überzeugt, daß wir unser Vaterland gegen die Extremisten verteidigen würden, gegen diejenigen, die Algerien in ein zweites Afghanistan verwandeln wollen. Doch Tag für Tag offenbarte sich und die Bestürzung ergriff uns, daß diejenigen, die Algerier töten, die sind, die sich als ihre Beschützer präsentieren.

Wir erschraken darüber und es quälte uns, so oft seit Ende 1992 zusehen zu müssen, wie Zivilautos Kasernen und Stützpunkte des Geheimdienstes verließen, um Attentate auf Zivilisten zu verüben: Richter, höhere Beamte, Journalisten, Ausländer und einfache Leute, aber auch Polizisten und Armeeoffiziere. Und am nächsten Tag lasen wir in den Zeitungen, daß Extremisten diese terroristischen Akte verübt hätten.

Ab 1993 wurde uns der Befehl erteilt, nicht mehr zu inhaftieren oder zu verletzten, sondern nur noch zu töten und zu töten. Sie machten aus uns blutrünstige Mörder und gierige Räuber.

Manche unserer Kollegen führten – auf Befehl – Attentate auf Zivilisten aus, darunter die Aktionen in Blida und Chlef im Februar 1994, wo Dutzende von Zivilisten getötet und abgeschlachtet, ihre Köpfe abgeschlagen und auf die Straßen geworfen wurden. Dies war der Beginn einer neuen Methode der Terrorismusbekämpfung – nämlich die kollektive Tötung von Zivilisten. So lauteten die Befehle: tötet ihre Familien und Angehörigen.

Manche unserer Kollegen führten diese Tötungs- und Abschlachtungsoperationen in einem Gefühl des Rausches und des Glücks aus. Sie unterlagen der Wirkung von "Tabletten zur Steigerung des Mutes und zur Unterdrückung der Angst". Diese Tabletten wurden uns jeden Tag verabreicht, bevor wir zu einer Operation gegen den "Terrorismus" ausrückten. Der Blutrünstigste unter uns wurde beloht mit einem höheren Dienstgrad, doppeltem Lohn und einer Versetzung in die Spezialeinheiten.

Auf der anderen Seite sahen wir die Beseitigung Dutzender Kollegen der Polizeitruppen durch den militärischen Geheimdienst, wenn sie ihrem Verdruß über die Ereignisse Ausdruck verliehen oder bei der Ausführung der Befehle zum Töten und Abschlachten zögerten.

Viele von ihnen wurden gefoltert, weil sie sich geweigert hatten, Gefangene zu töten oder Zivilisten die Kehle durchzuschneiden. Viele wurden verrückt durch die Folter. Viele von uns mußten Algerien verlassen, und Familienangehörige den Preis dafür bezahlen.

Wir empfingen – leider – diese Befehle zum Töten, jedesmal wenn am Horizont die Hoffnung auf Versöhnung und politische Entspannung und Initiativen zur Beendigung der Gewalt erschienen. Damals kannten wir den Grund dafür nicht, sondern erst viel später begriffen wir, daß es Menschen gibt, die ein Interesse daran haben, daß die Politik Unsicherheit und des Krieges fortbesteht.

Wir sind dem algerischen Höllenfeuer entflohen, weil der Krieg in dem wir uns hineinbegeben haben, all seine Gesetze verloren hat. Dieser Krieg hat sich in ein systematisches Verbrechen verwandelt, mit dem Ziel, die größtmögliche Zahl an Zivilisten zu töten und fürchterliche Massaker zu verüben, für die die höchsten Generäle verantwortlich sind.

Noch immer berichten uns einige unserer Freunde, die bis heute inmitten diesen Verbrechen verweilen, über ihre unendlichen Qualen, während sie nicht nur beobachten, sondern an vielen der blutigen und barbarischen Massakern teilnehmen.

Uns war bewußt, als wir einige Jahre inmitten in diesen Verbrechen lebten, daß manche der hohen Generäle bereit sind, das Volk zu vernichten und Algerien zu zerstören, um ihre Interessen zu bewahren. Was jetzt geschieht, bestätigt unsere Erwartungen und Befürchtungen.

 

Eine Gruppe von Polizeioffizieren

Folgen drei Unterschriften: Ramadani, Meziani, Arfi.

 

Infomappe 2

 

 

 

 
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