Menschenrechtsverletzungen > Massaker  
   

"Sie hatten falsche Bärte und Blut an ihren Hosen"

Ein algerischer Deserteur verdächtigt als Islamisten verkleidete Soldaten, Zivilisten getötet zu haben.

von François Sergent, Libération, 23. Oktober 1997, Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

Omar war Soldat in Algerien. "Man hat keine Wahl, man muß seinen Dienst machen, immer fragt man nach dem Militärdienstnachweis, um Papiere zu erhalten oder um das Land verlassen zu können", erklärt Omar, ein zarter Junge von 22 Jahren (manche Elemente seiner Biographie wurden geändert, um seine Identität zu schützen). "Ich wurde nach B. zu den Kommandos in der dritten Militärregion geschickt." Das Soldatenleben ist hart in Algerien. "Die Kaserne war eine Ruine, die Uniformen schmierig, und man aß schlecht." Keine Übungen oder Ausbildung, aber eine eiserne Disziplin. "Wir wurden mit Rangers oder mit Gewehrkolben geschlagen", erzählt der junge Einberufene. "Sie haben mir meine Zähne zerschlagen", erklärt er und zeigt dabei sein neues Gebiß. So wie er es schon vor den Kameras der BBC und Canal plus machte, liefert uns Omar eine ungehobelte Geschichte, ein Zeugnis, das aufgrund der algerischen Situation schwer zu überprüfen ist.

Eines Abends im Juni gegen 16 oder 17 Uhr ist Omar zu einer Operation ausgerückt. "Sie haben uns eine Spritze verpaßt, sie sagten uns, das würde uns stark machen, daß wir keine Angst haben würden. Ich weiß nicht was es war, manche sagten, es sei Kokain", sagt Omar, schwer verständlich in einem Gemisch aus Arabisch und Umgangsfranzösisch.

"Man transportierte uns mit einem Flugzeug, dann nahmen wir LKWs. Um zwei oder drei Uhr morgens waren wir in der Nähe eines Dorfes, ungefähr 120-130 Männer. Man sagte den 86 Einberufenen, alle aus meiner Klasse, auf dem Hügel zu bleiben und sich nicht zu bewegen, außer wenn wir eine Leuchtrakete, die von den Straßen des Dorfes aus geschossen würde, sehen würden. Die Freiwilligen - sie waren circa 25 - sind zum Dorf gegangen. Wir haben nichts gesehen, also haben wir uns nicht bewegt. Gegen 5 Uhr morgens sind sie zurückgekommen. Sie waren geschminkt, mit falschen Bärten und rochen nach Moschus, wie die Islamisten. Sie hatten ihre Militärhosen an, aber trugen gewöhnliche T-Shirts, sie ähnelten wirklich typischen Islamisten. Manche hatten Blut an ihren Hosen und ihre Falschirmjäger-Messer waren auch blutbeschmiert. Sie nahmen ihre Bärte runter. Wir haben nichts gefragt, man stellt keine Fragen in der Armee, und ich habe mir auch keine Gedanken gemacht."

Die Einheit kehrt am Vormittag zur Kaserne zurück. "Ich erfahre dann, daß ein Massaker in dem Dorf stattgefunden hat, in dem wir waren. Wir haben es von den Gendarmen erfahren, die in der Nähe waren, es soll an die 30 Tote gegeben haben. Wir haben verstanden, aber wir haben nichts gesagt, wir hatten zu große Angst". Zwei Tage später hat Omar Arbeitsdienst und muß das Zimmer seines Oberfeldwebels reinigen. "Ich durchsuchte seine Taschen, um Zigaretten oder Geld zu finden, wir sind Diebe, wie Zeroual", erzählt Omar lachend, "in einer seiner Taschen, habe ich einen falschen Bart gefunden".

Ein anderes Mal wurde Omar an einer Straßensperre eingesetzt. "Man hatte uns wieder eine Spritze gegeben, ich fühlte mich wie Rambo, wie in einem Traum, ich kam mir sehr stark vor, alle anderen erschienen mir ganz klein." Omar erzählt: "Ein sehr starker Mann kommt zu der Sperre, ein Bärtiger, wie die Islamisten, er will seine Papiere nicht zeigen und steckt seine Hand in die Jacke, ich habe Angst und schieße auf ihn, ich habe mein ganzes Magazin geleert, ich habe ihn getötet." Seine Vorgesetzten sagen, daß er gut daran getan hätte, aber Omar sagt, daß er sich immer unwohler in der Armee fühlt. "Wir wurden immer mißhandelt und ich hatte Angst, wieder zu neuen Massakern geschickt zu werden." Im September desertiert er, und es gelingt ihm die Flucht nach Großbritannien. Sein Asylgesuch wurde angenommen. "Hier geht es mir gut, hier fühle ich mich in Sicherheit; in Algerien war ich von Seiten der Armee bedroht, weil ich desertiert war, und von Seiten der Islamisten, weil ich meinen Dienst angetreten habe. Ich bin kein Islamist, ich mag mich amüsieren wie die Tchi-tchi (die betuchte Jugend), ich trinke gerne und liebe Frauen", erzählt Omar, der genauso wenig Vertrauen in die Armee wie in die Regierung hat. "Es sind alles Diebe", sagt er. Er hat niemandem in Algerien erzählt, was er in der Armee gesehen hat. "Aber heute will ich mein Herz ausschütten."

Vor zwei Wochen sind elf Personen aus seiner Familie in einem Massaker getötet worden. "Ich weiß nicht, ob die Islamisten oder die Armee es getan haben."

 

Infomappe 3

 

 
Version imprimable
 
www.algeria-watch.org