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Ex-Polizistin berichtet aus den Folterkellern

von Robert Fisk, The Independant, 30. Oktober 1997
Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

Dalila ist die erste algerische Polizistin, die ihr Land verließ und von der Folter und den Exekutionen berichtet, die die algerischen Geheimdienste verüben und deren Augenzeuge sie geworden ist. In einer Wohnung in einem Londoner Vorort erzählte sie, wie sie gezwungen wurde, gefälschte Todesbescheinigungen für Gefangene auszustellen, die sie unter der Folter hat sterben sehen.

Dalila ist an Blut gewöhnt. Als sie die Gefangenen beschreibt, halb ausgezogen und an Leitern gefesselt im Keller der Cavignac-Polizeiwache im Zentrum Algiers, tut sie dies mit einer eigentümlichen Distanz.

Später, nachdem ich über eine Stunde damit verbracht habe, ihren Beweisen der Grausamkeit und des Todes zuzuhören, wird sie sich mit einem entsetzlichen Eingeständnis an mich wenden. "Ich bin bei einer Psychologin in Behandlung, weil ich schlechte Träume habe," sagt sie. "Meine große Leidenschaft ist jetzt, Horrorfilme anschauen zu gehen - das ist das Einzige, was mich interessiert. Ich möchte Blut sehen."

Das ist eine ungewöhnliche Bemerkung von dieser attraktiven, 30-jährigen Frau mit ihren vollen, dunklen, schwarzen Haaren, zu einem Zopf zusammengebunden, die das Kind einer algerischen Freundin auf ihrem Knie schaukelt. Auf Ihrem örtlichen Polizeirevier wäre Dalila ein willkommenes Mitglied der Truppe. Und das war sie auch, als sie 1985 auf der Polizeiwache Colonel-Amirouche-Straße den Dienst begann.

"Ich liebte den Job - ich liebe den Job, den ich ausübte, immer noch," sagt sie. "Ich war in der Geheimdienst-Abteilung, eine Polizei-Detektivin in der Spezialabteilung. Ich wollte eine Polizistin sein, um meinem Volk zu dienen, seit ich 12 Jahre alt war."

Dalila wurde 9 Monate lang in der Höheren Polizeischule Chateauneuf in Algier ausgebildet - ihr Vater war Polizeioffizier gewesen - und ihr gefiel es, in Polizeisportteams zu spielen, ebenso wie ihre Arbeit als Detektivin.

In ihren Augen begannen die Dinge während der Demonstrationen für Demokratie im Oktober 1988 falsch zu laufen; und dann wieder - völlig falsch - mit der Annullierung der nationalen Wahlen 1991, die die Islamisten sicher gewonnen hätten, durch die vom Militär gestützte Regierung. Sechs Polizisten wurden in Algier am 12. Februar 1992 ermordet. Dalila kannte zwei von ihnen, Elias und Mourad, beide in der Kasbah niedergeschossen.

"Ich wurde zu der Cavignac Polizeiwache in der Nähe der Post versetzt. Ich haßte, was dort passierte, was mit der Polizei passierte."

"Sie folterten Menschen - ich sah, wie es geschah. Ich sah, wie unschuldige, junge Leute gefoltert wurden wie wilde Tiere. Ja, ich selbst sah die Folterungen. Was hätte ich tun können?"

"Sie exekutierten Menschen um 11 Uhr nachts, Menschen, die nichts getan hatten. Sie waren denunziert worden von Leuten, die etwas gegen sie hatten. Die Leute sagten einfach: 'Er ist ein Terrorist'. Und der Mann wurde exekutiert."

Dalila spricht über Folter wie ein Automat, ihre Stimme ist monoton. Sie sagt, sie sah in einem Zeitraum von Monaten mindestens 1000 gefolterte Menschen, ungefähr 12 täglich; die Polizisten, die die Verhöre führten, fingen um 10 Uhr morgens an und arbeiteten in Schichten bis 11 Uhr nachts.

"Sie fesselten junge Menschen mit einem Seil an eine Leiter. Sie waren immer ohne Hemd, manchmal nackt. Sie legten einen Lappen über ihr Gesicht. Dann zwangen sie sie, Salzwasser zu trinken. Es gab einen Wasserhahn mit einem Rohr, das sie in die Kehle der Gefangenen steckten, und sie drehten das Wasser auf, bis deren Bäuche angeschwollen waren. Wenn ich mich daran erinnere, denke ich, wie sehr es schmerzt, ein Lebewesen so zu sehen - es ist besser Menschen umzubringen, als sie so gefoltert zu sehen."

Dalila weint, wenn sie beschreibt, was sie gesehen hat. "Die Folterer sagten: 'Du mußt gestehen, daß du XY umgebracht hast' Und sie zwangen die Gefangenen, mit verbundenen Augen ein Geständnis zu unterschreiben - sie hatten nicht das Recht zu lesen, was sie unterschrieben."

"Es gab Gefangene, die weinten und sagten: 'Ich habe nichts getan - ich habe das Recht auf einen Arzt und einen Anwalt'. Wenn sie das sagten, kriegten sie eine Faust in den Mund. Die starben, das waren die unter der Wasserfolter. Ihre Bäuche waren zu aufgeschwollen vom Wasser. Wenn dies geschah, steckten die Folterer manchmal Besenstiele in ihre After."

"Einige der Gefangenen hatten Bärte, andere nicht. Arm waren sie alle. Der oberste Polizist gab den Befehl zu foltern - ich glaube, er wurde telefonisch gegeben. Aber sie benutzten nicht das Wort Folter - sie nannten es gewöhnlich nakdoulou eslah - 'Gastbehandlung'. Die Gefangenen schrien und weinten. Sie schrien: 'Im Namen Gottes, ich habe nichts getan.' oder 'Wir sind alle gleich, wir sind Moslems wie du'. Sie schrien und heulten viel."

Menschen zerbrachen und starben unter der Folter. "Ich sah zwei Menschen, die auf diese Weise auf der Leiter starben," sagt Dalila. "Die zwei Körper hingen dort auf der Leiter. Sie waren tot und der Folterer sagte: 'Bring sie zum Krankenhaus und sage, sie starben in einem Kampf'. Dasselbe taten sie mit denen, die um 11 Uhr nachts hingerichtet worden waren - das wurde nach der Ausgangssperre getan, als nur die Polizei und die Gendarmerie herumfahren konnte."

"Ich mußte die Todesbescheinigungen ausfüllen, damit die Körper aus den Krankenhäusern weggebracht werden konnten. Ich mußte unterschreiben, daß es ein Körper war, der im Wald gefunden wurde, nachdem er verwest war - zu dieser Zeit war es sehr heiß."

Dalila erzählt, daß sie bei einem höheren Offizier zu protestieren versucht hat; sie nannte ihn Hamid. "Ich sagte zu ihm: 'Sie dürfen diese Dinge nicht machen, denn wir sind alle Moslems - es sollte wenigstens einen Beweis gegen diese Leute geben, bevor Sie sie töten.' Er sagte zu mir: 'Mein Mädchen, du bist nicht für die Polizei gemacht - wenn du jemanden verdächtigst, mußt du ihn töten. Wenn du Menschen umbringst, dann wirst du befördert.'"

Die Folterbehandlungen wurden in einer Garage im Erdgeschoß der Carvignac-Wache durchgeführt.

"Jeder Polizist schlug die Gefangenen mit dem Kolben seiner Kalasch (Gewehr). Einige Gefangene wurden durch die Folter vollkommen verrückt. Jeder, der nach Cavignac gebracht wurde, wurde gefoltert - ungefähr 70% der Polizisten dort haben das alles gesehen. Sie waren daran beteiligt."

"Obwohl die Folter die Arbeit der Gerichtspolizei war, machten die anderen mit. Die Gefangenen waren 20 bis 30 in einer Zelle, und einer nach dem anderen wurde zu der Leiter gebracht, dabei wurde ihnen dauernd in die Rippen getreten. Es war unmenschlich."

"In den Zellen bekamen die Gefangenen alle 2 Tage ein Stück Brot. Es gab keine Medizin. Dem Gesetz nach hat jeder Gefangene das Recht auf einen Arzt. Aber sie wurden blutüberströmt in ihre Zellen zurückgebracht."

Dalila zufolge wurden gefangene Frauen zur Folter in einen besonderen Trakt der Chateauneuf-Polizeistation gebracht, der Nationale Organisation für die Verbrechensbekämpfung genannt wurde, in den die algerische Militärpolizei nur mit einem speziellen Ausweis Zugang gewährt. "Du mußt ein hochrangiger Offizier sein, um dort hinein zu kommen, wegen der Art, in der sie Frauen behandelten," sagt Dalila. "Sie töteten dort auch, aber mehr weiß ich nicht."

Dalilas Tragödie ist eine persönliche. "Ich kann im Dunkeln nicht schlafen, weil ich Angst habe," sagt sie. " Es ist nicht meine Schuld, daß mein Verlobter während des Ramadan 1993 umgebracht wurde. Die Männer, die ihm das angetan haben, waren als Polizisten gekleidet - und sie töteten ihn, weil er ein Polizist war. Sie töten grundlos."

Wer sind "sie", frage ich? Und sie antwortet: "Das ist die große Frage."

"Meine Freundin Nacera hatte ihre Wohnung einer Polizistin, die Hamida heißt, überlassen und sie bekam einen Drohbrief, - anscheinend von bewaffneten 'Islamisten' - in dem stand: 'Wenn du die Polizei schützt, bist du tot.' Sie gaben ihr einen Monat Zeit (um Hamida vor die Tür zu setzen). Dann, am 12. Juli 1994 erschossen sie beide in Naceras Auto in der Cite Garridi."

Aber es war die Folter, die Dalilas Leben zerstörte - und sich als ihr Unglück erwies.

"Es gab eine Gruppe älterer Leute, die gefoltert wurden," erzählt sie. "Ich konnte es nicht aushalten, das anzusehen, besonders ein Mann um die 55, dessen Arm am Verfaulen war. Er hatte Brand und er roch sehr schlecht. Ich konnte es nicht ertragen und ich ging ihm etwas Penicillin kaufen und machte es auf seinen Arm, weil ich dachte, es würde helfen."

"Es waren sechs weitere Menschen in seiner Zelle, die gefoltert worden waren - es roch darin wie der Tod. Aber ein anderer Polizist hatte mich gesehen, und ich bat ihn, nichts zu sagen. Sie müssen wissen, wir hatten nicht das Recht, uns mit den Gefangenen zu unterhalten - nur sie zu schlagen."

"Aber der Polizist schrieb einen Bericht an den Polizeipräsidenten, der mich zu sich bestellte und sagte, mein Fall würde an den nationalen Polizeipräsident weitergeleitet werden. Er sagte: 'Vielleicht kommen Sie ins Gefängnis, weil Sie Terroristen geholfen haben'. Der Mann, dem ich geholfen hatte, wurde später freigelassen - was zeigte, daß er unschuldig war."

Bewaffnete "Islamisten" - vier junge Männer, die bei ihren Müttern zu Hause in einem Golf auftauchten - hatten in der Zwischenzeit Dalila auf´s Korn genommen, sie forderten, daß sie ihnen ihre Polizeipistole innerhalb von 14 Tagen aushändige.

Als Dalila um Polizeischutz bat, wurde ihr gesagt, daß "alle in der gleichen Situation sind". Sie schlief nachts in Polizeirevieren. Dann schlich sie eines Nachts von zu Hause fort und kaufte sich ihren Weg frei auf ein Schiff nach Europa auf der Flucht vor beiden, den algerischen Sicherheitskräften und den islamistischen Guerrillas.

 

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