Algeria-Watch  
   

Salah-Eddine Sidhoum -
ein Opfer staatlicher Verfolgung

Internationales Komitee für die Freilassung von Salah-Eddine Sidhoum und Algeria-Watch

Herr Sidhoum ist Chirurg und langjähriger Menschenrechtsaktivist. Bereits 1980 wurde er von der politischen Polizei festgenommen, weil er eine Unterschriftenliste für die Freilassung der während der Demonstrationen in der Kabylei festgenommenen Personen initiiert hatte. Im Oktober 1988, während der Jugendrevolten, informierte er die internationale Presse über die Anwendung von Splittergeschos-sen und der systematischen Folter von Seiten der Sicherheitskräfte.

Nach dem Staatsstreich von Januar 1992 wurde er im Juni 1992 festgenommen, weil er die Übergriffe der Gendarmen, die das Krankenhaus stürmten, in dem er tätig war, verurteilte. Die Sicherheitskräfte misshandelten Ärzte und Krankenpfleger als Vergeltung für einen Mord an einem ihrer Kollegen. Erst nach einem Hungerstreik von 10 Tagen wurde der willkürlichen Haft von Herrn Sidhoum ein Ende gesetzt.

Salah Eddine Sidhoum hat immer wieder die massiven Menschrechtsverletzungen verurteilt. Er gehörte einer Gruppe von Menschenrechtlern an, die Hunderte von Zeugnissen der Folteropfer und Familien von Verschwundenen sammelte. Er hatte in einer Phase, in der nur wenige Informationen über die Verbrechen der Sicherheitsdienste an die Öffentlichkeit gelangten, zahlreichen ausländischen Korrespondenten Opfer vorgestellt, damit diese die internationale Gemeinschaft alarmieren konnten.

Dr. Salah-Eddine Sidhoum wurde 1994 Opfer einer geheimdienstlichen Operation, durch die er eliminiert werden sollte. Verschiedene Täuschungsmanöver führten 1997 dazu, dass er zu 20 Jahren Gefängnisstrafe in Abwesenheit verurteilt wurde. Seit 1994 muss er sich versteckt halten. Um seine Freiheit wieder zu erlangen, muss er sich den algerischen Behörden stellen, damit sein Fall vor Gericht erneut aufgerollt werden kann. Hoffnung auf einen fairen und gerechten Prozess kann es allerdings kaum geben, da die algerische Justiz nicht über die nötige Unabhängigkeit gegenüber der Exekutive verfügt. (weitere Informationen: http://www.algeria-watch.org/fr/mrv/mrvrepr/sidhoum/sidhoum.htm)

Alles begann am 7. Juni 1994 als ein Freund und Kollege von Salah-Eddine Sidhoum, Dr. Khaled Lafri, in seiner Wohnung von der Polizei festgenommen wurde. Er war von einem Nachbar unter der Folter denunziert worden. Er wurde verdächtigt, verletzte Mitglieder von bewaffneten Gruppen medizinisch behandelt zu haben. Lafri selbst wurde auch gefoltert und nannte in der Hoffnung auf ein Ende der Folterungen Namen von Nachbarn (z. B. den Namen von Belhamri Messaoud, der am 18. Juni 1994 festgenommen wurde), Schulkameraden und Kollegen wie Dr. Sidhoum. Kurz später, am 19. Juni wurde Professor Moulay auf der Autobahn zusammen mit seinen Kindern entführt. Sie blieben einen Monat lang eingesperrt und tauchten erst am 17. Juli im Gefängnis von El-Harrach wieder auf.
Dr. Sidhoum bemühte sich in diesem Zeitraum, Menschenrechtsorganisationen und Korrespondenten der internationalen Presse zu kontaktieren, um sie über die Entführung und das Verschwinden dieser beiden Personen zu alarmieren. Er wusste nicht, dass sein Name von Lafri erwähnt worden war. Einer der Rechtsanwälte der Opfer informierte ihn am 17. Juli, dass sein Name im Rahmen der Lafri-Moulay-Affäre genannt worden war. In der Akte wurde behauptet, er sei auf der Flucht und es werde nach ihm gefahndet. (In den Akten anderer Kollegen, deren Namen Lafri unter der Folter genannt hatte, stand diese Angabe nicht). Dr. Sidhoum setzte seine Arbeit im Krankenhaus und an der Universität dennoch fort. Dann ließ Moulay ihm aus dem Gefängnis einen Brief zukommen, in dem er über die Folter, die erfundenen Szenarien und die schweren Vorwürfe, die gegen Sidhoum erhoben wurden, berichtete.

Seit diesem Zeitpunkt hat Dr. Sidhoum zwar weiter gearbeitet, aber bestimmte Sicherheitsmaßnahmen getroffen. So fuhr er fortan nicht mehr allein zum Arbeitsplatz. Meist begleitete ihn ein junger Freund und Taxifahrer . Allerdings versuchte die Polizei nie, ihn am Wohnort oder Arbeitsplatz zu verhaften.

Parallel zu seinem Beruf verfolgte Sidhoum weiterhin seine Aktivitäten als Menschenrechtsaktivist. Am 5. September 1994 schrieb er Präsident Liamine Zeroual einen offenen Brief, in dem er konkrete Fälle staatlicher Menschenrechtsverletzungen anführte und verurteilte.

Zwei Wochen später, am Donnerstag den 22. September 1994, überraschte ihn ein Artikel in der Zeitung El Watan, in dem sein Name erwähnt wurde. Der Titel lautete: „Bab Ezzouar: Ärzte an der Spitze eines terroristischen Netzes“ (Bab Ezzouar: des médecins à la tête d’un réseau terroriste). Dieser Artikel enthielt viele Unwahrheiten. Auch hier wurde die Behauptung wiederholt, dass Sidhoum auf der Flucht sei, obwohl er seinen beruflichen und anderen Tätigkeiten regelmäßig nachging. Seine Nachbarn waren überrascht, durch diesen Zeitungsbericht zu erfahren, dass er angeblich „auf der Flucht“ sei, da sie ihn jeden Morgen und Abend im Viertel sahen. Es stellte sich heraus, dass der Journalist von El Watan das Protokoll der Polizei abgeschriebenund gegen das Gesetz verstoßend veröffentlicht hatte.
Salah-Eddine Sidhoum schickte sofort einen Leserbrief an den Direktor der Publikation (Einschreiben vom 24. September 1994). Befreundete Journalisten berichteten Sidhoum, dass die Veröffentlichung seines Leserbriefes in der Zeitungsredaktion kontrovers diskutiert wurde. Omar Belhouchet lehnte eine Veröffentlichung dieser Richtigstellung ab. Eine Woche nach der Sendung des Leserbriefes schickte Sidhoum einen zweiten Brief an den Direktor, in dem er ihn über eine bevorstehende Strafanzeige wegen Verleumdung informierte (29. September 1994).

Gleichzeitig schickte Sidhoum ein Einschreiben an den damaligen Oberstaatsanwalt, Sayah Abdelmalek, um ihn auf diese Praktiken und die gegen ihn gerichteten schwerwiegenden Vorwürfe aufmerksam zu machen. Eine Antwort hat es nicht gegeben.

Die Veröffentlichung dieses „ferngesteuerten“ Artikels in El Watan schien eine Antwort auf den offenen Brief an den Präsidenten zu sein, den Sidhoum 17 Tage zuvor geschrieben hatte. Was war es anderes als ein Mordaufruf? Dafür hat es schon etliche Präzedenzfälle gegeben. Viele Bürger, deren Namen in einer bestimmten privaten Presse erschienen waren, wurden daraufhin entführt und ermordet. Die Botschaft war klar. Und Dr. Sidhoum sah sich gezwungen, sich vom Krankenhaus beurlauben zu lassen, weil er befürchten musste, entführt zu werden. Die Nächte verbrachte er nur selten in seiner Wohnung, die er zumeist nur tagsüber aufsuchte.

Dann erfuhr Salah-Eddine Sidhoum, dass ein Freund, von Beruf Krankengymnast, im November 1994 in seiner Wohnung festgenommen worden war. Er befasste sich weder mit Politik noch Religion. Sidhoum hatte ihn im Krankenhaus Mustapha Ende der 70er Jahre kennen gelernt. Der Freund hatte den Fehler begangen, eines Abends bei Familie Sidhoum anzurufen, um seine Hilfe anzubieten. Frau Sidhoum nahm das Gespräch entgegen und da das Telefon abgehört wurde, konnte der Anrufer lokalisiert werden. Er verbrachte daraufhin eine schreckliche Nacht im Polizeikommissariat, wo er brutal gefoltert wurde. Er wurde ausschließlich über Sidhoum verhört (seine Gewohnheiten, seine politische Zugehörigkeit, sein Lebensstandard, die Kleidung seiner Ehefrau usw.) Die Folterer wollten mit aller Gewalt die Aussage aus ihm herauspressen, dass Sidhoum Mitglied der FIS sei. Am nächsten Tag, ein Freitag, verbrachte ein Oberst des Sicherheitsdienstes aus dem Zentrum von Chateauneuf den Vormittag im Zentralkommissariat mit ihm. Nachdem er die Folgen der Folter auf dem Gesicht des Mannes feststellte, maßte er sich an, sich dafür zu entschuldigen und ihm Café und Croissants anzubieten. Dies entsprach einer psychologischen Methode. Sie sprachen lange über Sidhoum. Der Freund gab alle ihm bekannten Details über ihn an. Eine Frage kehrte unaufhörlich wieder: „Sind Sie sicher, dass Sidhoum nicht Mitglied der FIS ist?“ Die Antwort des Freundes war stets kategorisch: „NEIN“. Er wurde am Nachmittag endlich freigelassen, von der Folter völlig entstellt. Er verließ so schnell wie möglich Algerien, um bei seinen Schwiegereltern in Finnland Zuflucht zu suchen. Er konnte diese Nacht nie wirklich überwinden und verstarb sehr bald an einem Infarkt.

Weitere Freunde von Sidhoum, Ärzte und Krankenpfleger, besuchten die Familie, um sich über ihn zu erkundigen, da hartnäckige Gerüchte über ein Todesurteil seitens der GIA (Groupes islamiques armés) im Krankenhaus und in seinem Viertel in Umlauf waren. Die GIA hatten schon viele Intellektuelle ermordet (Abdelouahab Benboulaid, Bouslimani, Ahmed Hambli usw.). Jetzt wurde die Lage besorgniserregend. Sidhoum beschloss, sich zu verstecken. Es war der 14. Dezember 1994. Vier Tage später, am Sonntag den 18. Dezember 1994, am Tag nach der Ausstrahlung des BBC -Dokumentarfilmes „Algérie, la guerre cachée“ (Algerien, der versteckte Krieg) auf dem französischen Sender Canal+ , in dem Sidhoum interviewt wurde, tauchten um 9 Uhr morgens drei bewaffnete Männer in Zivil in seiner Wohnung auf. Als sie seine Abwesenheit feststellten, bedrohten sie seine betagte Tante mit ihren Waffen. Ein Nachbar intervenierte, als er die Tante schreien hörte. Er wurde von einem der Männer zusammengeschlagen und zu Boden geworfen. Die drei Männer flohen, als aufgrund der Schreie immer mehr Nachbarn zusammenliefen. Einer von ihnen rief: „Wir kommen abends wieder, sprengen das Haus und werden den Doktor kriegen.“
Erst am nächsten Tag erfuhr Sidhoum über den marokkanischen Radiosender Medi I, was seiner Familie widerfahren war. Die Korrespondentin der Tageszeitung Le Monde, Catherine Simon, die er mehrmals im Krankenhaus und bei sich empfangen hatte, gab die Information weiter, und Human Rights Watch adressierte gleich am nächsten Tag einen Brief an Präsident Zeroual. Diese Mobilisierung bremste die Kriminellen, und die Familie Sidhoum wurde für längere Zeit nicht belästigt.

In der gleichen Woche entführten Agenten des Geheimdienstes einen jungen Chirurgen und Schüler von Sidhoum aus dem Krankenhaus von Zmirli in El Harrach, wo er arbeitete. Er verschwand fünf Monate lang und tauchte im Gefängnis von El Harrach wieder auf. Während dieser Monate wurde er gefoltert und ausschließlich zu den beruflichen und politischen Aktivitäten von Dr. Sidhoum befragt. Er wurde auch gezwungen auszusagen, dass Sidhoum der FIS angehöre. Aber wie der Krankengymnast sagte er dem Geheimdienst, dass Sidhoum ein Oppositioneller und Menschenrechtsaktivist sei, aber keiner Partei angehöre.
Am 6. April 1995 wurde der junge Chauffeur, der Sidhoum vor seinem Abtauchen begleitete, festgenommen. Er war unglücklicherweise in dem Dokumentarfilm der BBC gefilmt worden, als er mit ihm einen Kaffee trank. Er wurde sechs Monate lang im Geheimdienstzentrum von Chateauneuf inhaftiert und schwer gefoltert. Auch da begleitete ein Oberst des Geheimdienstes das Verhör. Die Folterer wollten alles über Sidhoum wissen, auch über sein Privatleben.

1996 fand der Prozess gegen Lafri-Moulay statt. Beide wurden für die „Organisierung einer be-waffneten Gruppe“ zu drei Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Sidhoum wurde in dieser Sache freigesprochen.
Die Sicherheitsdienste waren offensichtlich mit dem Urteil nicht zufrieden und fertigten ein neues Dossier an. Im Zusammenhang mit dem festgenommenen jungen Chirurgen und einem Kranken, die beide im Krankenhaus Zmirli festgenommen worden waren, wurden Moulay und Sidhoum beschuldigt, eine Geheimorganisation gegründet zu haben, die das Ziel verfolge, das Regime zu stürzen und einen islamischen Staat zu errichten, an der Rebellion teilzunehmen, gegen den Staat eine Verschwörung organisiert zu haben und illegale Zellen aufzubauen, die die Einheit des Staates gefährden würden. Weiter wurde ihnen vorgeworfen, eine Geheimorganisation und ihre Mitglieder nicht denunziert zu haben. Diese Vorwürfe zeichnen sich allesamt durch ihre Unbestimmtheit aus und stehen offensichtlich in der Tradition der „Revolutionsgerichte“ in der Ära Boumediene. Moulay und der junge Chirurg (der zwei Jahre Untersuchungshaft erlitt), sowie der Kranke und der andere Angeklagte wurden freigesprochen. Salah-Eddine Sidhoum erhielt jedoch eine Gefängnisstrafe von zwanzig Jahren. Dies geschah im Februar 1997.

Seither hält sich Sidhoum versteckt. Er führt trotz der Einschüchterungsversuche und Drohungen gegenüber seiner Familie seine Aktivitäten als Menschenrechtsverteidiger fort. Am 13. Januar 2000 veröffentlichte er einen offenen Brief, in dem er deutlich machte, dass er die Pseudo-Amnestie im Rahmen der sogenannten „zivilen Eintracht“, von der er sich nicht betroffen fühlt, ablehnt und bereit ist, sich den Behörden zu stellen, wenn ihm Garantien bezüglich seiner Unversehrtheit und eines fairen Prozesses gegeben werden. Die jüngsten Drohungen erlebte die Familie am 15. Dezember 2002, als zwei Männer in Zivil mit Funksprechgeräten zum Wohnhaus kamen, um Sidhoum eine Vorladung für den 16. Dezember um 14. Uhr bei der dritten Brigade der Kriminalpolizei von El Madania zu übermitteln.

Dem algerischen Staat ist es nicht gelungen, Salah-Eddine Sidhoum als Menschenrechtler mund-tot zu machen. Die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 9. Dezember 1998 ange-nommene Erklärung zu den Menschenrechtsverteidigern legt im Artikel 1 fest, dass „jeder das Recht hat, sich einzeln oder in einer Gruppe für den Schutz und die Verwirklichung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten auf nationaler und internationaler Ebene zu engagieren.“

Es ist offensichtlich, dass die Anklage, die zu der Verurteilung Sidhoums zu zwanzig Jahren Haft führte, von der algerischen Justiz als unbegründet anerkennt werden muss. Um dies zu erreichen, ist Salah-Eddine Sidhoum bereit, sich dem Gericht zur Verfügung zu stellen.
Das Komitee für die Freilassung von Sidhoum fordert von den algerischen Behörden, dass:

1. die Sicherheit und die physische und psychische Integrität von Salah-Eddine Sidhoum und seiner Familie garantiert werden,

2. seine Würde, sein Recht auf Meinungs- und Glaubensfreiheit respektiert werden,

3. ein faires und rechtsstaatliches Verfahren durch eine unabhängige Gerichtsbarkeit und in Anwesenheit von Beobachtern nationaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen garantiert wird,

4. das Prinzip der Unschuldsvermutung, das Recht auf Verteidigung, das Recht Belastungszeugen und Entlastungszeugen zu befragen und Beweismittel einzuführen sowie zu gewährleisten, dass unter Folter gewonnene Aussagen nicht verwertbar sind,

5. die internationalen Beobachter problemlos ein Visum erhalten,

6. die Sicherheit und physische und psychische Integrität der Zeugen und ihrer Familien gewährleistet wird und sie ihre Aussage frei und ohne jeden Zwang und Druck vor einem unabhängigen Gericht machen können.

Weitere Informationen zur internationalen Kampagne für die Freilassung von Salah-Eddine Sidhoum : http://www.algeria-watch.org/fr/mrv/mrvrepr/sidhoum/sidhoum.htm

 
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