Menschenrechtsverletzungen  
   

Drohungen gegenüber M. Sidhoum und seiner Familie

Algeria-Watch, 16. Dezember 2002

Algeria-Watch hat erfahren, dass am Morgen des 15. Dezember 2002 zwei Personen in Zivil mit Funksprechgeräten die Wohnung von Herrn Salah-Eddine Sidhoum aufsuchten, um ihm eine Vorladung für den 16. Dezember 2002, 14 Uhr beim dritten mobilen Einsatzkommando der Kriminalpolizei (BMPJ) in El Madania auszuhändigen.
Die beiden Männer trafen auf die 83-jährige Tante von Herrn Sidhoum, die ihnen mitteilte, dass dieser seit acht Jahren abwesend ist. Sie befahlen ihr, Frau Sidhoum die Vorladung zu überreichen, damit sie bei der BMPJ vorspricht.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Herr Sidhoum nicht von dem zuständigen Kommissariat seines Viertels El Mouradia (Algier) die Ladung erhielt, sondern vom PCO (Einsatzkommandostelle) von El Madania, das dem Zentrum von Chateauneuf angegliedert und als Folterzentrum bekannt ist. Wenn Frau Sidhoum sich dorthin begibt, ist zu befürchten, dass sie Opfer von Misshandlungen wird.

Dieser Vorladung gingen Einschüchterungsversuche voraus, die die Familie Sidhoum seit Januar 2002 erfährt, und zwar seitdem Salah-Eddine Sidhoum in Zusammenarbeit mit Algeria-Watch ein großes Dossier zu Menschenrechtsverletzungen des algerischen Staates, insbesondere Listen von Ver-schwundenen und extralegalen Hinrichtungen, veröffentlichte.

Frau Sidhoum erhält regelmäßig anonyme Anrufe. Vor weniger als einem Monat wurde ihr ge-sagt: „Wir kommen, und Sie werden sehen, was mit Ihnen geschehen wird.“

Herr Sidhoum ist Chirurg und langjähriger Menschenrechtsaktivist. Bereits 1980 wurde er von der politischen Polizei festgenommen, weil er eine Unterschriftenliste für die Freilassung der während der Demonstrationen in der Kabylei festgenommenen Personen initiiert hatte. Im Oktober 1988, während der Jugendrevolten, informierte er die internationale Presse über die Anwendung von Splittergeschos-sen und der systematischen Folter von Seiten der Sicherheitskräfte.
Nach dem Staatsstreich von Januar 1992 wurde er im Juni 1992 festgenommen, weil er die Über-griffe der Gendarmen, die das Krankenhaus stürmten, in dem er tätig war, verurteilte. Die Sicherheitskräfte misshandelten Ärzte und Krankenpfleger als Vergeltung für einen Mord an einem ihrer Kollegen. Erst nach einem Hungerstreik von 10 Tagen wurde der willkürlichen Haft von Herrn Sidhoum ein Ende gesetzt.

Salah Eddine Sidhoum hat immer wieder die massiven Menschrechtsverletzungen verurteilt. Er gehörte einer Gruppe von Menschenrechtlern an, die Hunderte von Zeugnissen der Folteropfer und Familien von Verschwundenen sammelte. Er hatte in einer Phase, in der nur wenige Informationen über die Verbrechen der Sicherheitsdienste an die Öffentlichkeit gelangten, zahlreichen ausländischen Korrespondenten Opfer vorgestellt, damit diese die internationale Gemeinschaft alarmieren konnten.

Um seinen Aktivitäten ein Ende zu setzen, wurde Herr Sidhoum in einem im September 1994 er-schienenen Artikel der Zeitung „El Watan“ in eine vollständig erfundene „terroristische“ Aktion ver-wickelt. Gleichzeitig ging das Gerücht um, dass die GIA (Bewaffnete Islamische Gruppen) ihn zum Tode verurteilt hatten. Die Botschaft war klar: Herr Sidhoum konnte liquidiert werden, und die bewaffneten Gruppen würden dafür verantwortlich gemacht werden. Am 18. Dezember stürmten drei Personen in seine Wohnung, um ihn zu töten. Da sie ihn nicht antrafen, bedrohten sie mit ihren Waffen seine betagte Tante. Seitdem hält sich Herr Sidhoum versteckt. Im Februar 1997 wurde er in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Trotz der Drohungen und Gewalttätigkeiten, die Freunde und Verwandte erlitten, und trotz des Lebens im Untergrund, hat Herr Sidhoum seine Tätigkeiten als Menschenrechtler nicht aufgegeben. Dank seines Mutes und seiner Ausdauer, wird die internationale Öffentlichkeit weiterhin über die Dimension der Tragödie, die Algerien bis heute heimsucht, informiert.

Drohungen und Einschüchterungen gegenüber Menschenrechtsverteidigern sind in Algerien an der Tagesordnung. Während des Jahres 2002 wurden mehrere unter ihnen Opfer von willkürlicher Haft und anderen Einschüchterungsversuchen: Mohamed Smaïn, Mitglied der LADDH (Ligue Algérienne de Défense des Droits de l’Homme) in Relizane; Mahmoud Khelili, Rechtsanwalt und Präsident des SNAA (Syndicat National des Avocats Algériens); Khelil Abderrahmane, Mitglied der LADDH und SOS Disparus; Larbi Tahar, Mitglied der LADDH. Viele Menschenrechtsaktivisten wurden in den vergangenen Jahren gezwungen, das Land zu verlassen, um ihr Leben und das ihrer Familien zu schützen.

Algeria-Watch verurteilt diese repressiven Praktiken gegenüber Menschenrechtsaktivisten, Praktiken, die gegen die elementaren Rechte der freien Meinungsäußerung und der Bewegungsfreiheit verstoßen.

Algeria-Watch appelliert an die algerische Regierung, die Einschüchterungsversuche gegenüber Herrn Sidhoum und seiner Familie zu stoppen und Herrn Sidhoum von jeglicher Verurteilung freizusprechen.

Paris und Berlin, den 16. Dezember 2002

 
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