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Hasel, Thomas (2002):
Machtkonflikt in Algerien

(Nahost-Studien 3, hrsg. von Friedemann Büttner), 284 S., Verlag Hans Schiler: Berlin, ISBN 3-89930-190-0

Seit 1992 vollzieht sich in Algerien, mal offener, mal verdeckter ein grausamer und blutiger Bürgerkrieg. Ein hinterfragenswürdiges Merkmal dieses Konfliktes liegt darin, dass er auch nach elf Jahren und einer Bilanz von mehr als zweihunderttausend Toten, unzähligen Verletzten, über zehntausend „Verschwundenen“ und mehr als einer Million Flüchtlingen nur selten als eine entsprechend komplexe und tiefgründige gesellschaftliche Auseinandersetzung wahrgenommen wird, ja gerade in der deutschen Medienlandschaft nur durch den selektiven Fokus auf terroristische Aktionen angeblich islamistischer Untergrundgruppen in die Schlaglichter der Öffentlichkeit gerät. So wundert es denn nicht, wenn das dominante Bild des algerischen Konflikts sich in den populären Fahrwassern von Huntingtons ‚Zusammenprall der Zivilisationen’ bewegt, der so scheint es, in Algerien einen nationalen Schauplatz gefunden hat. Diese Sichtweise zu hinterfragen, zurechtzurücken, wenn nicht gar zu widerlegen, ist das Ziel von Hasels Algerienstudie (S.11).

Den besonderen Schwierigkeiten des Untersuchungsgegenstandes, die in seiner Aktualität und damit in den Interessen der involvierten Akteure und ihrer Legitimationsdiskurse und Desinformationsstrategien wurzeln, sucht Hasel mit einer ‚vorsichtigen, allen Informationen gegenüber misstrauischen Annäherung an den algerischen Konflikt’ zu begegnen. Die systematische Leitlinie der Untersuchung erscheint adäquat gebündelt in den Fragen nach Ursachen, Zusammenhängen, Tätern und Interessen – denn: „Auch wenn die Grausamkeit der Terrorakte den Blick auf Algerien trübt, es gibt Ursachen des Konflikts, so vielfältig sie sein mögen, es gibt Zusammenhänge, so verworren sie scheinen mögen und es gibt definierbare Täter mit bestimmten Interessen, auch wenn die Täter nicht eindeutig der einen oder anderen Seite zuzuordnen sind. Wenn aber die Ursachen des Konflikts, die Konfliktakteure und ihre Interessen sowie das Machtverhältnis zwischen den Konfliktparteien bekannt sind, dann lassen sich auch Lösungsvorschläge für den algerischen Konflikt entwerfen.“ (S. 10)

Historisch-analytisch entfaltet wird diese Orientierung zwischen Einleitung und Fazit in fünf Kapiteln, welche sich beschäftigen mit der Phase der Herausbildung, Krise und Delegitimierung des politischen Systems zwischen 1962 und 1988 (1), dem politischen und ökonomischen Reformkurs und seinem Scheitern zwischen 1989 und 1991 (2), der Einleitung eines Restaurations- und Repressionskurses zwischen 1992 und 1994 (3), dem Wechselspiel von Verhandlungen und gewaltsamer Konfliktaustragung zwischen 1994 und 1999 (4), und schließlich mit der scheinbaren Beruhigung der innergesellschaftlichen Lage sowie der Normalisierung der internationalen Beziehungen Algeriens seit dem Amtsantritt Bouteflikas 1999 (5).

Der Schwerpunkt der Studie liegt auf der empirisch-analytischen Aufarbeitung der innergesellschaftlichen Krisenentwicklung und ihrer Austragung seit den landesweiten Unruhen vom Oktober 1988. Hasel liefert eine systematische, gut dokumentierte und Distanz wahrende Darstellung des zweifellos schon insofern komplizierten Untersuchungsgegenstandes, als die algerischen Konfliktdimensionen in hohem Maße durch eine wohl bewusst eingesetzte Desinformations- und Konfusionsstrategie gekennzeichnet ist. Jenseits der traurige Berühmtheit besitzenden Frage des ‚Wer tötet wen?’, die durch stetig neue, schier unglaubliche Enthüllungen bis in die Gegenwart hinein relevant ist und eine unabhängige Untersuchungskommission überfällig erscheinen lässt, konzentriert sich der Band auf die tieferliegenden Konfliktursachen. Es wird deutlich, wie sich islamische Bewegungen erst sehr allmählich zum Auffangbecken für die sich schon seit den siebziger Jahren auf der kulturellen, sozialen und politischen Ebene artikulierenden Proteste gegen das Machtmonopol der Eliten in Staatsführung und Armee entwickelten.

Schon der Titel des Bandes verdeutlicht, worum es in Algerien wirklich geht – um gesellschaftliche Macht, und damit um die Verfügungsgewalt über gesellschaftliche Ressourcen und individuelle Entfaltungschancen, und nicht um die Rettung einer Demokratie vor islamistischen Terroristen. (S.122) Der Konflikt um die Macht stellt sich als tiefgreifende Krise eines post-kolonialen Entwicklungsmodells dar, welches von vorneherein das Prinzip einer gleichberechtigten, demokratischen Partizipation durch das Machtmonopol einer sich populistisch legitimierenden Staats- und Armeeführung ersetzt hatte. Ermöglicht und gestützt durch den Fluss der Öl- und Gas-Devisen, entwickelte sich Algerien zu einem typischen Rentierstaat, der nach dem bekannten Prinzip ‚soziale Wohlfahrt gegen politische Entmündigung’ funktionierte. Die produktive Diversifizierung der Volkswirtschaft blieb dabei auf der Strecke, mit dem rapiden Rückgang der Renteneinnahmen in den achtziger Jahren sanken auch die Verteilungsspielräume und damit die Legitimität der herrschenden Eliten. Das Ausmaß der im Algerien der achtziger und neunziger Jahre tobenden gewaltsamen Konflikteskalation, schließlich nicht zuletzt die verbreitete gesellschaftliche Akzeptanz einer sich ethisch-religiös artikulierenden Protestbewegung ist freilich alleine hierdurch nicht erklärbar: Zu Recht arbeitet der Autor die bereits früh vorhandene, und sich stetig ausweitende Tendenz der Machthaber zur Korruption und Selbstbereicherung heraus, die der algerischen Bevölkerung als Verrat an den hehren Zielen des anti-kolonialen Befreiungskampfes und eines unabhängigen Algerien erscheinen mussten. Indessen, insofern die algerische Machtelite explizit nur als 'Mitverantwortliche' der Krise benannt wird, hätte eine entwicklungstheoretisch noch akzentuiertere Ursachenanalyse den Wert des Bandes weiter erhöht.

Die im Fazit entwickelten Perspektiven und Lösungsansätze, die hier nun doch die Bedeutung internationaler Machtverhältnisse für das Funktionieren der algerischen Scheindemokratie thematisieren, muten durchaus realistisch an und lassen – nicht zuletzt angesichts der Rehabilitierung der algerischen Machthaber als zuverlässige Partner in der ‚internationalen Terrorismusbekämpfung’ – der Vision einer demokratischen und sozial gerechten Entwicklung Algeriens für die nähere Zukunft wenig Hoffnung.

Fazit: Eine schon von ihrer Fragestellung her wichtige, gut dokumentierte, flüssig lesbare, argumentativ überzeugende, empirisch-analytische Studie, die ihren Anspruch, ein kritisch-alternatives Bild des Algerien-Konfliktes zu zeichnen, hervorragend einlöst.

Ingrid El Masry (Marburg-Kassel)

 
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