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"Françalgérie"

Über den geheimen Krieg in Algerien und die französischen Machenschaften

Algeria-Watch, Juli 2004

Am 28. April erschien in Frankreich eine von Lounis Aggoun und Jean-Baptiste Rivoire verfasste Untersuchung mit dem Titel: "Françalgérie", crimes et mensonges d’Etats (Françalgérie, Staatsverbrechen und –lügen, Paris 2004). Zum ersten Mal wird das Räderwerk der "Todesmaschine" und des begleitenden Propagandaapparates in Algerien minutiös auseinander genommen. Die Autoren untersuchen insbesondere die Rolle Frankreichs in dem Krieg, den die algerische Militärführung gegen ihre eigene Bevölkerung führt. Ohne die Unterstützung der französischen politischen und medialen Klasse hätten die algerischen "Putschisten" nicht bis heute an der Macht bleiben können. Diese Unterstützung ist bedingt durch die wirtschaftlichen Interessen, aber auch durch die Macht und den Einfluss der algerischen Generäle auf die französische Regierung. Viele der offenen Fragen über die jahrzehntealten komplexen Beziehungen zwischen beiden Ländern finden in diesem Buch Antworten.

In Algerien tobte bereits seit über 20 Monaten ein "schmutziger Krieg", als am 24. Oktober 1993 drei französische Konsularangestellte entführt wurden. Zwei Tage später tauchte ein aus London gefaxtes Bekennerschreiben der GIA (Groupe islamique armé) auf, das die Freilassung ihres Anführers Abdelhak Layada forderte, der im Juni desselben Jahres in Marokko festgenommen wurde. Die Gruppe sprach sich "gegen die Versöhnung und den Dialog" aus, eine Position, die übrigens auch von der algerischen Militärführung geteilt wurde. Viele Ausländer fühlten sich sehr verunsichert, und eine französische Botschaftsangestellte, Lucile Schmid, erklärt gegenüber einem der beiden Autoren: "Wir hatten den Eindruck, dass der [algerische] Staat unser bester Verbündeter sei. Dies hat uns dazu geführt, enger mit den algerischen Behörden zusammenzuarbeiten." [1] Und in der Tat stellt sich heraus, dass die Kooperation soweit ging, dass die Entführung vom algerischen Geheimdienst DRS in Zusammenarbeit mit der französischen DST (Inlandsgeheimdienst) gesteuert wurde.

Diese Operation sollte die französische Regierung auf die Seite der Kriegstreiber zwingen. Die zwei Journalisten erfuhren, dass Jean-Charles Marchiani, ein enger Berater des Innenminister Charles Pasqua, von dieser Entführung wusste und diese womöglich sogar vorschlug. Er bestätigte, dass er aus Sicherheitsgründen von den Algeriern forderte, dass "die Operation nicht unkontrollierten Islamisten, sondern Agenten des DRS anvertraut werden sollte." [2] Die algerischen Behörden verlangten ihrerseits von den französischen Behörden die Festnahme der in Frankreich Zufluchtsuchenden FIS-Verantwortlichen. Eine Liste von 162 abzuschiebenden Personen wurde angefertigt und den Algeriern vorgelegt. Schließlich wurden über 180 Personen im November 1993 festgenommen, einige unter ihnen nach Burkina Faso deportiert.

Als Frankreichs Außenminister Alain Juppé sich öffentlich der repressiven Haltung Pasquas anschloss, kamen die drei Geiseln am 30. Oktober frei. Der Erleichterung unter den in Algerien lebenden Ausländern folgte nun der Schock: Die GIA soll allen Ausländern befohlen haben, binnen eines Monats das Land zu verlassen. Frau Thévenot, eine der Geiseln, der diese auf einen einfachen Zettel gekritzelte Botschaft von den Geiselnehmern in die Tasche gesteckt wurde, erzählt zehn Jahre nach dem Vorfall: "Ich hatte den Befehl, ihn [den Zettel] ... der Presse, dem Fernsehen zu geben, ich weiß nicht mehr. In Wirklichkeit habe ich ihn nicht weitergegeben, weder der Presse, noch den Behörden", [3] Es stellt sich also die Frage, wie die algerischen und französischen Behörden wissen konnten, dass ihr eine Forderung der Geiselnehmer, die sie bei sich trug, übermittelt worden war und welchen genauen Gehalt diese hatte.

Diese Entführung ist der Auftakt für eine enge, wenn auch komplexe Zusammenarbeit zwischen den französischen und algerischen Geheimdiensten. Die Beziehungen zwischen beiden Länder gestalteten sich oft als schwierig, da immer wieder Widerstände innerhalb der französischen politischen Klasse und der öffenlichen Meinung die harte Linie der "éradicateurs" auf beiden Seiten blockierten. "Ende 1993 wurde die Diskreditierung der FIS zunehmend überlebenswichtig für den Eradicateur-Clan, der sich in Algerien mit immer aussichtsreicheren Friedens- und Dialoginitiativen konfrontiert sah." [4]

Seit 1992 wird der Öffentlichkeit eingeredet, der Krieg in Algerien sei bedingt durch den Angriff der Fundamentalisten auf den algerischen Staat und die Demokratie. Die einzige Institution, die gegen diese "Barbaren" angehen könne, sei die algerische Armee. Und der französische Staat verhielte sich in dem Konflikt "neutral" bzw. ihm seien aufgrund der terroristischen Anschläge auf seinem Boden oder gegen seine Bürger die Hände gebunden. Heute, 12 Jahre nach Beginn eines der blutigsten Kriege, der zwischen 100 000 und 200 000 Menschenleben kostete, wird immer deutlicher, dass "dieses Szenario wie eine riesige medienwirksame Konstruktion erscheint". [5]

Mit einer Fülle von Details zeigen Lounis Aggoun und Jean-Baptiste Rivoire die Verwicklung Frankreichs in einen der schmutzigsten Kriege am Ende des letzten Jahrzehnts auf. Akribisch und minutiös zeichnen sie die wichtigsten Etappen eines verdeckten Krieges nach, der unter dem Deckmantel des "Kampfes gegen den Terrorismus" geführt wird. Die algerische Junta bediente sich subversiver und terroristischer Methoden, deren Modell die Franzosen während des algerischen Befreiungskampfes (1954-1962) entwickelten und erprobten. Doch die Schüler übertrafen ihre Meister in der Manipulation und Perversion. Nicht nur in Algerien gelang es den Putschisten, jedes Segment der Gesellschaft entweder für ihre Sache zu gewinnen oder auszuschalten. Darüber hinaus erreichten sie insbesondere die Gleichschaltung der politischen Klasse Frankreichs und der öffentlichen Meinung Europas. 

"Françalgérie", der Titel dieses Buches, spielt auf die besonders verwickelten Beziehungen Frankreichs mit Algerien an. Ob historisch, kulturell, ökonomisch, politisch oder militärisch, diese Nähe ist geprägt von Klientelismus, Korruption, geheimen Abmachungen und Paralleldiplomatie, die beide Länder in einem unentwirrbaren Geflecht von mafiösen Verbindungen gefangen hält. Die Autoren zeigen, wie seit 1980 eine kleine Gruppe von algerischen Offizieren, die zum größten Teil aus der französischen Kolonialarmee hervorgingen, sich zusammenschlossen und nach und nach die Stufen der Macht erklommen, während sie die Korruptionsnetze der "Françalgérie" aufbauten. Der Kopf dieser Gruppe ist General Larbi Belkheir, der es stets verstanden hat, aus dem Hintergrund zu agieren. Diese Militärs haben schließlich 1992 die Macht übernommen und sind heute noch die wichtigsten Männer des Regimes.

Das andere Standbein des jetzigen Regime ist der algerische Geheimdienst. Der 1958 gegründete MALG (Ministère de l’Armement, des Liaisons générales et des Communications) legte den Grundstein für die spätere Sécurité militaire, [6] die 1990 die Bezeichnung Département de Recherche et de Sécurité (DRS) erhielt. Charakteristisch für alle drei ist die allumfassende Kontrollmaschine, mit der sie alle Bereiche des politischen und militärischen Lebens im In- und Ausland überzogen. Seit der Umstrukturierung des Geheimdienstes am Vorabend des Putsches haben die mächtigen Mohamed Mediene, Chef des DRS, und Smaïn Lamari, Chef der Gegenspionage, die Kontrolle über alle "sicherheitsrelevanten" Bereiche übernommen. Ihr besonderes Geschick zeichnet sich darin aus, alle politischen und gesellschaftlichen Strukturen auszuhöhlen, jegliche wirkliche politische Opposition durch heimtückische Manöver zu instrumentalisieren oder kaltzustellen. Eine enge Zusammenarbeit mit der französischen DST entstand, als Yves Bonnet die Leitung letzterer übernahm. [7] Er lernte den damaligen Kommandanten Smaïn Lamari kennen, mit dem er in den darauffolgenden Jahren oft Gelegenheit zur Zusammenarbeit haben wird. Der Auftakt der Kooperation der beiden Geheimdienste auf französischem Boden geschah im Zusammenhang mit der Liquidierung von Ali Mecili, einem engen Mitarbeiter von Hocine Aït-Ahmed, dem Vorsitzenden der FFS (Front des forces socialistes), im April 1987. Amellou, der vom algerischen Geheimdienst für den Mord angeheuert worden war, wurde mit Hilfe der französischen DST nach Algerien exfiltriert, so dass die Ermittlungen nicht abgeschlossen werden konnten. [8]

Smaïn Lamari wird seinerseits in den neunziger Jahren seine exzellenten Beziehungen zur DST im Dienst machiavellistischer Projekte zu nutzen wissen. "Um die algerischen Oppositionellen in Frankreich besser infiltrieren und beobachten zu können, soll M’hamed Tolba, Chef der DGSN (algerische Polizei), vom französischen Geheimdienst nahe gelegt worden sein, den Franzosen Agenten zur Verfügung zu stellen (...). Aber von den Dutzenden Polizeioffizieren, die von M’hamed Tolba nach Frankreich geschickt worden waren, sollen einige angefangen haben, für den DRS zu arbeiten, wurden also ‚Doppelagenten’." [9]

Frankreich wird immer mehr in den "schmutzigen Krieg" verwickelt

Der bewährte Einsatz von Geheimdienstagenten und die Manipulation der Islamisten in Algerien (die Autoren zitieren Namen von Agenten, die bewaffnete Gruppen anführten und die Ermordung von Polizisten, Spitzel oder Richter anordneten [10] ) erfolgte auch in Frankreich. Als Ende November 1994 die algerische Opposition sich unter der Schirmherrschaft der San Egidio-Gemeinschaft zum ersten Mal in Rom traf und eine Plattform zur Lösung der Krise erarbeitete, erhielt sie die Unterstützung von Präsident François Mittérand und Außenminister Alain Juppé. Auch Bill Clinton und Helmut Kohl sollen die Initiative interessant gefunden haben. Die algerische Militärführung war sehr besorgt um die weitere Unterstützung Frankreichs. Mit einer Entführung eines Flugzeugs der Air France Weinachten 1994 wurde erneut auf die französische Regierung Druck ausgeübt. Unzählige Ungereimtheiten begleiten diese kuriose Affäre, in der drei Geiseln von dem Kommando liquidiert und alle Entführer von der französischen Sondereinsatztruppe GIGN getötet wurden. Die Ermittlungen auf französischer Seite wurden von den algerischen Behörden blockiert. Aggoun und Rivoire, die eine Vielzahl von Indizien sammelten und zahlreiche Interviews führten, kommen zu dem Schluss, dass diese Entführung vom algerischen Geheimdienst inszeniert wurde. [11] Zu diesem Ergebnis kommen allerdings auch andere wie beispielsweise der ehemalige Antiterror-Richter Alain Marsaud, der gegenüber einem der Autoren die Frage aufwarf, "ob es sich nicht um eine kompliziertere Operation der algerischen Regierung handelt, die festgestellt hat, dass Gewalt angewendet werden muss, um Druck auf Frankreich auszuüben." [12]

In den folgenden Monaten haben noch weitere Anschläge Frankreichs Politiker in die Zange genommen, zumal sich die algerische Opposition Anfang Januar 1995 auf eine Plattform zur Lösung der Krise einigte. Manche französischen Politiker und Intellektuelle begrüßten diese Initiative, sehr zum Missfallen der algerischen Junta. Neben einer außerordentlichen Kampagne gegen die Unterzeichner der Plattform, die als Komplizen des Terrorismus bezeichnet wurden, wurde nun zunehmend auch Frankreich zur Zielscheibe der Gewalt: Im Juli 1995 wurde Cheikh Sahraoui, ein 85-jähriger Imam einer Moschee in Paris, ermordet. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der FIS und war als gemäßigter Islamist ein Ansprechpartner der französischen Behörden, was der radikalen Fraktion des algerischen Regime missfiel.

Dieser Mord gilt als Auftakt für die sechs Bomben, die in den Pariser Metrostationen gelegt wurden und Frankreich drei Monate lang in Angst und Schrecken versetzten. Dabei kamen acht Menschen ums Leben und über 200 wurden verletzt. [13] Sofort wurde die GIA für diese Taten verantwortlich gemacht, doch die Ermittlungen stockten. Der Hauptverantwortliche, Ali Touchent, der bekanntlich für den algerischen Geheimdienst tätig war, konnte unbehelligt nach Algerien ausreisen, obwohl er den französischen Behörden bekannt war. Doch andere, die in diese Anschläge verwickelt waren, wurden festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt. Das Gericht wich allerdings der Frage nach der Verwicklung des algerischen Geheimdienstes geschickt aus.

Im Rückblick erscheint diese Anschlagsserie als ein erfolgreiches Mittel, um die französische politische Klasse zu knebeln. "Die Anschläge vom Sommer 1995, die von der Presse systematisch den 'Islamisten der GIA' zugeschrieben werden, bringen die Regierung Juppés in Bedrängnis und lassen seine nuancierte Position zur Algerienpolitik untragbar werden." [14] Vielen waren die Machenschaften des algerischen Geheimdienstes schon lange bekannt, doch jede Position gegenüber dem Konflikt in Algerien gestaltete sich als heikel. Eine offene Unterstützung des Regime war kompromittierend, eine Verurteilung seiner brutalen und subversiven Methoden konnte einen erneuten Gewaltausbruch auf französischem Boden auslösen. Schließlich fuhr die französische Regierung fort, das Regime diskret zu unterstützen, wie sie es immer tat. Erschreckend ist dabei, dass sehr viele französische Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und im Geheimdienst genau wussten, dass die Anschläge vom DRS beauftragt worden waren. Mehrere Ermittler bestätigen dies. Alain Marsaud bestätigte, dass, wenn sie der Hierarchie der agierenden Gruppen nachgingen, sie irgendwann auf Agenten des DRS stießen. [15] Offensichtlich schienen diese Anschläge manchen zu weit zu gehen: Der ehemalige französische Innenminister Jean-Louis Debré beschloss, Mitte September 1995 den algerischen Machthabern auf Umwegen deutlich zu machen, dass die französische Regierung wusste, wer die Anschläge verübt hat und damit eine Grenze überschritten wurde. Er organisierte eine Pressekonferenz, um laut zu fragen, ob hinter diesen Terrorakten nicht eine Manipulation der algerischen Behörden stünde. Doch trotz dieser Warnung [16] und der darauffolgenden Abkühlung der Beziehungen zwischen beiden Regierungen, war das Ziel der algerischen Militärführung erreicht: Frankreichs Politiker blieben in Zukunft mit Kritik an den algerischen Methoden sehr zurückhaltend.

Die Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission wird von Frankreich torpediert

Ein jeder erinnert sich an die grausamen Massaker, die ab 1996 fast täglich in den Medien gemeldet wurden. Die GIA unter der Führung von Antar Zouabri (der im Juli 1996 die Nachfolge von Djamel Zitouni übernommen hatte) wurden systematisch dafür verantwortlich gemacht, ob sie sich dazu bekannten oder nicht. Angesichts vieler Fragen bezüglich der Umstände, unter denen diese Verbrechen verübt wurden, und der Haltung der algerischen Armee wurde ab dem Frühjahr 1997 die Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission von unterschiedlichen Stellen gestellt. Die damalige UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson, der Generalsekretär der UNO Kofi Anan und mehrere europäische Regierungen äußerten Bedenken an der offiziellen algerischen Behauptung, die Regierung unternehme alles, um die Zivilbevölkerung zu schützen, und forderten eine Intervention von außen.

Eine internationale Bewegung begann sich zu formieren und rief nach der Wahrheit über die Verantwortlichen der Massaker. Die algerische Militärführung war in Aufruhr, denn auf keinen Fall sollten ausländische Beobachter vor Ort ungehindert Untersuchungen durchführen dürfen. Und prompt eilten französische Politiker den algerischen Machthabern zu Hilfe. Der damalige französische Außenminister Hubert Védrine zum Beispiel lehnte jede "Möglichkeit der internationalen Aktion" ab. Selbst der Regierungschef Lionel Jospin, der für seine kritische Haltung gegenüber der algerischen Junta bekannt war, drückte öffentlich sein Bedauern aus, nicht tatkräftiger agieren zu können. Er erklärte während einer Nachrichtensendung vom 29. September 1997 (wenige Tage nach den großen Massakern von Rais, Sidi Hamed und Bentalha mit insgesamt über 1000 Toten): "Im Fall Algerien ist die große Schwierigkeit, dass wir nicht verstehen, was sich in Wirklichkeit dort abspielt (...) wir sind gegen eine fanatische und gewalttätige Opposition, die gegen eine Herrschaft kämpft, die selbst in gewisser Weise die Gewalt und die Macht eines Staates benutzt. Wir müssen also sehr vorsichtig sein (...) Ich muss an die Franzosen denken: Wir sind schon getroffen worden. Ich muss diese Fragen berücksichtigen. Ich bin der Ansicht, dass wir unsere Verantwortung tragen, aber indem wir daran denken, dass die französische Bevölkerung auch geschützt werden muss. Es ist schwer, dieses zu sagen, aber sie werden auch verstehen, warum es in meiner Verantwortung liegt, dies zu sagen." [17]

Alain Chenal, Parteigenosse von Jospin und Algerienbeauftragter der Sozialisten bestätigte später gegenüber einem der beiden Autoren des Buches: "Dies bedeutet, dass die französischen Politiker über das algerische Regime nicht das sagen können, was sie zu sagen hätten, weil sie Angst vor den Bomben haben." [18]

Die Haltung der französischen Regierung wurde von einer beispiellosen Medienkampagne begleitet, in der vor allem Intellektuelle wie André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy eine herausragende Rolle spielten. Sie reisten Ende 1997 und Anfang 1998 nach Algerien und wurden zu diversen Schauplätzen von Massakern geführt, um die "richtigen" Überlebenden und Zeugen zu treffen. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich produzierten sie Artikel und Filme, die die algerische Armee von jeglichem Vorwurf freisprachen und allein die Islamisten für die Massaker verantwortlich machten. [19] Die Artikel wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und in den größten europäischen Zeitungen veröffentlicht, auch in deutschen. Die französische Unterstützung für das algerische Regime hatte zur Folge, dass die Frage nach der Identität der Verbrecher zum Tabu erklärt wurde. In der Zwischenzeit "bemüht sich die französische Diplomatie hinter den Kulissen darum, jedes Projekt einer internationalen Untersuchungskommission zu vereiteln" [20] .

"Im Januar 1998, nachdem der Fernsehsender Canal+ in seiner Nachrichtensendung Vrai Journal mehrere Reportagen gesendet hatte, die die Verantwortung des DRS für die Massaker thematisierten , lädt der Moderator Karl Zéro Hubert Védrine, den Außenminister von Lionel Jospin, zu einem Interview über die Außenpolitik Frankreichs ein. Zum großen Erstaunen der Journalisten der Agentur CAPA, die die Reportagen für Vrai Journal realisieren, erscheint der Minister persönlich zu ihrem wöchentlichen Abendessen (...): 45 Minuten lang spricht er nur davon [das algerische Dossier] und bestätigt ausführlich, dass die algerische Armee nichts mit den Massakern zu tun hat." [21]

Um dennoch den Anschein der Transparenz zu erwecken, wurde eine Delegation von Europaabgeordneten unter der Leitung des alten "FLN-Freundes" André Soulier nach Algerien eingeladen. [22] "In der Erwartung des Besuches der Europaabgeordneten setzen die algerischen Behörden ihre Oppositionellen stark unter Druck. Am 4. Februar stürmen an die zwanzig Polizisten und Militärs in die Wohnung von Mahmoud Khelili, Rechtsanwalt und bekannter Menschenrechtler, und entführen zwei seiner Söhne. Am 6. verschärfen sich der Druck, die Drohungen und Entführungsversuche gegenüber Ahmed Djeddaï, Generalsekretär der FFS." [23] Die viertägige Mission der Abgeordneten wurde minuziös durchgeplant, nichts dem Zufall überlassen. Der algerische Geheimdienst stattete den Bewohnern von Bentalha einen Besuch ab: "Die Botschaft war klar: 'nichts sagen, nicht sprechen.' Die Behörden schlagen den ausländischen Journalisten, die den Besuch der Europaabgeordneten begleiten, vor, Algerier zu treffen, die behaupten 'Opfer der Islamisten' gewesen zu sein: 'Sie boten uns Zeugen an, die ihre Geschichte auf Französisch, Englisch oder Deutsch erzählen konnten, entsprechend der Nationalität des Journalisten, den sie ansprachen'" [24]

Das Ergebnis der Mission entsprach voll und ganz den Erwartungen der algerischen Führung. In dem am 27. Februar veröffentlichten offiziellen Bericht der Delegation "behauptet die Delegation gegen jede Augenscheinlichkeit, dass die Sicherheitskräfte ‚in die Massaker nicht verwickelt sind, aber eine für die Bekämpfung der mutierten Formen des Terrorismus schlecht ausgebildete und bewaffnete Armee bilden’." [25] Währenddessen "betätigt sich die französische Diplomatie hinter den Kulissen, um jegliches Projekt einer internationalen Untersuchungskommission zu torpedieren." [26]

Schließlich wurde auch noch die UNO manipuliert: Die algerischen Machthaber genehmigten eine Informationsmission von einer von Kofi Anan in Absprache mit ihnen zusammengestellten Delegation, die im August 1998 Algerien bereiste. Erwartungsgemäß diente diese Delegation der Entlastung der algerischen Regierung. [27] "Indem sie leicht manipulierbare Persönlichkeiten in Algerien empfingen, ist es schließlich den Generälen der Eradicateurs-Fraktion gelungen, sich gegenüber der internationalen Gemeinschaft freizukaufen. Schlimmer noch, sie werden sich auf diese Besuche beziehen, um jeden Versuch der Opposition und jede Verurteilung ihrer Verbrechen zu disqualifizieren." [28] Das Ergebnis der Unternehmung war die Zerschlagung der internationalen Bewegung, die eine Wahrheitskommission über die Massaker in Algerien forderte.

Frankreichs Politiker sorgen für die Straflosigkeit algerischer Generäle

Der vor dem Hintergrund der Massaker stattfindende unerbitterte Machtkampf zwischen den Hardlinern der Militärführung und dem Klan des Präsidenten Zeroual fand sein Ende im September 1998, als dieser seinen Rücktritt ankündigte. Im April 1999 wurde Bouteflika, als Kandidat der Armee und nachdem die sechs anderen Kandidaten sich zurückgezogen hatten, zum Staatspräsidenten gewählt. Die Zeit der angeordneten Normalisierung wurde mit dem Gesetz der "zivilen Eintracht" eingeläutet. Auch die westlichen Partner Algeriens spielten das Spiel mit ungeachtet der fortwährenden Verbrechen. So empörte sich keiner über die im November 1999 vom DRS angeordnete Liquidierung von Abdelkader Hachani, der Nummer drei der FIS, der die Partei 1991 zu den Wahlen geführt hatte. Auch fanden die vielen Enthüllungen ehemaliger Armeeangehöriger über die Verantwortung der algerischen Militärs für die massiven Menschenrechtsverletzungen und vor allem die Manipulation der islamistischen Gewalt in Europa und insbesondere in Frankreich kaum Gehör. Und als im April 2001 gegen General Khaled Nezzar, den ehemaligen Verteidigungsminister und Mitverantwortlichen des Putsches und des Aufbaus der "Todesmaschine", eine Anzeige wegen Folterungen gestellt wurde, konnte dieser mit Hilfe französischer Behörden exfiltriert werden, um sich der französischen Justiz entziehen zu können. [29]

Bis heute bietet der französische Staat der algerischen Militärführung Rückendeckung. So wurde das Jahr 2003 in Frankreich als "Jahr Algeriens" gefeiert, und alle staatlichen Medien zeichneten sich bis auf sehr wenige Ausnahmen dadurch aus, ein besonders positives Bild Algeriens zu zeigen und die vielen offenen Fragen zur Lage der Menschenrechte, der ökonomischen wie sozialen Misere auszublenden oder dem "islamistischen Terrorismus" zuzuschreiben.

Die algerischen Generäle, die für die blutigen Jahre verantwortlich sind, werden heute mehr denn je von europäischen und amerikanischen Politikern aus ökonomischen und strategischen Interessen hofiert. Die verschiedenen Versuche, in Frankreich gegen sie Strafanzeige zu stellen, sind gescheitert (in Algerien ist es für die Opfer völlig ausgeschlossen, gegen die Generäle gerichtlich vorzugehen) und zeigen die Grenzen einer französischen Justiz auf, die sich dem politischen Diktat beugt. Da weiterhin die Möglichkeit, im Ausland vor Gericht gestellt zu werden, besteht, arbeitet die algerische Regierung an einer Generalamnestie, die ihre Straflosigkeit garantieren soll. [30] Bouteflika soll zu Mary Robinson gesagt haben: "Ich bin der einzige, der verhindern kann, dass sie [die Generäle] vor den Strafgerichtshof gestellt werden" [31] .,Er ist wahrscheinlich aus diesem Grund bei den letzten Präsidentschaftswahlen vom 8. April 2004 zum heimlichen Favoriten der Militärführung auserkoren worden. Und Präsident Chirac eilte eine Woche nach seiner Wiederwahl nach Algier, um ihm persönlich zu seinem Sieg zu gratulieren! Unter diesen Umständen scheint der Amnestierung der Generäle nicht mehr viel im Weg zu stehen.

Dieses knapp sechshundertseitige Buch ist eine Pflichtlektüre und ein herausragendes Nachschlagewerk für jede Person, die die algerische Tragödie verstehen will. Der Rückblick auf den blutigen Eroberungskrieg Frankreichs ab 1830 und die nicht weniger unbarmherzigen Methoden, die während des Unabhängigkeitskrieg angewandt wurden, zeigt die Kontinuität der "subversiven" Methoden, die die Schüler der französischen Generäle Bigeard, Aussaresses, Massu und Co meisterlich in die Gegenwart zu übertragen wissen. Wer die Geschehnisse in Algerien in den letzten fünfzehn Jahre mitverfolgt hat, wird nicht selten über Zusammenhänge zwischen Ereignissen, die scheinbar nichts verbindet, erstaunt sein. Kein Wunder, dass das Buch in Frankreich von den Medien kaum beachtet wird, denn selbst wenn nur die Spitze des Eisberges bekannt werden sollte, ahnt der Leser bereits, dass die Verantwortung der französischen Regierung, Medien, Wirtschaft und des Militärs weit über das hinaus gehen dürfte, was beide Journalisten in müheseliger Recherchearbeit aufgedeckt haben. Dieses Buch ist ein Beitrag zum Verständnis der hochperfektionierten Todesmaschine, die weit über 100 000 Menschen das Leben kostete, aber auch der französischen Nachsicht, die einer Komplizenschaft in Verbrechen gegen die Menschheit gleichkommt.




[1] Françalgérie, S. 343.

[2] S. 344.

[3] S. 350.

[4] S. 356.

[5] Françalgérie, Klappentext.

[6] S. 42.

[7] S. 96.

[8] S. 109ff.

[9] S. 335-336.

[10] " Eine der bestgelungenen Einschleusungen war die von Leutnant des DRS Farid Achi", der sich als Islamist ausgab und bereits zu Beginn des Jahres 1992 als einer der wichtigsten Männer der sich formierenden Untergrundbewegung mobile Gruppen in den Städten bildete. Idem, S. 275-276.

[11] S. 413-418.

[12] S. 418.

[13] S. 448-459.

[14] S. 453.

[15] S. 456.

[16] S. 458.

[17] S. 525-526.

[18] Idem.

[19] S. 541f.

[20] S. 547.

[21] idem

[22] S. 546-547.

[23] S. 546.

[24] S. 546.

[25] S. 547.

[26] S. 547.

[27] S. 553-554.

[28] S. 554.

[29] S. 570-571.

[30] S. 586.

[31] S. 587.

 
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