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Ein leidiges Thema in einer "leidenden Stadt"

Wie Guben mit dem gewaltsamen Tod des Algeriers Omar Ben Noui und dem Prozess gegen elf Jugendliche umgeht

Wolfgang Kunath (Guben), Frankfurter Rundschau, 2. November 2000

Das Verhältnis zu Journalisten von auswärts ist, gelinde gesagt, delikat. "Die Presseberichte gehen mir - pffft! - so vorbei", ereifert sich der Ausländerbeauftragte der Stadt Guben patzig.

"Trotzreaktionen" auf das überregionale Medieninteresse hat Jan Siegel ausgemacht, der Gubener Lokalchef der Lausitzer Rundschau; die Leute hätten eben keine Lust, "sich dauernd dafür entschuldigen zu müssen, dass sie Gubener sind". Bürgermeister Gottfried Hain erzählt - fast ein bisschen amüsiert, weil das gar so überzogen ist -, dass die International Herald Tribune einen sonst sachlichen Artikel mit der Überschrift versehen habe, Guben sei die "Hauptstadt der Skinheads". Und wenn der Ministerpräsident Brandenburgs nach Guben kommt, um auf der Neiße zu paddeln, dann vergisst das Fernsehen garantiert nicht, das zu erwähnen, was Bürgermeister Hain als das "Trauma" Gubens bezeichnet: Den Tod des algerischen Asylbewerbers Omar Ben Noui, der am 13. Februar 1999 verblutete, nachdem ihn ein Trupp alkoholisierter Jugendlicher aus der rechtsradikalen Szene gejagt und in eine Glasscheibe gehetzt hatte.

Wie verarbeitet es eine Kleinstadt, dass in ihr ein Mensch, der Asyl, also Schutz gesucht hatte in Deutschland, in den Tod gehetzt wird? Dass die jagende Meute ihre eigenen Bürger, ihre eigenen Kinder waren? Dass sie plötzlich zum Synonym für den rechten Sumpf wird? Natürlich bemüht sie sich darzustellen, dass das eine furchtbare Ausnahme war und dass sie normalerweise ganz anders, ganz harmlos, ganz friedlich ist. Und dabei stellt sie - entsetzt zuerst, dann erbost - fest, dass das ganz und gar misslingt.

"Alles, was eine Stadt so liebenswert macht, findet der Besucher in Guben vor" - dass sich so ein Satz aus dem Werbefaltblatt "Guben bezaubert" nach dem Tod von Omar Ben Noui außerordentlich makaber liest, na gut. Aber Guben hat gemeinsam mit dem auf der östlichen, der polnischen Seite der Neiße gelegenen Gubin eine Kläranlage gebaut, als Bestandteil eines Projektes namens "Eurostadt Guben-Gubin", dessen grenzüberschreitender Ansatz vorbildlich und viel gelobt ist. Es muss ja nicht gleich das "Appelfest" sein, eine alte, verschüttete und nach der Wende wiederbelebte Tradition, aber können die Zeitungen nicht wenigstens mal über das Europa-Gymnasium schreiben, an dem sich deutsche und polnische Schüler gemeinsam aufs Abitur vorbereiten? Über die 4,5 Millionen Mark, die Guben jährlich für Jugendarbeit und Sport ausgibt? Über die 22 Sportvereine, das Antigewaltprogramm oder die vier Jugendclubs, die sich eine Stadt von 25 000 Einwohnern leistet?

Pfarrer Michael Domke spricht von einer "leidenden Stadt". Das kann man sehen: Guben ist dreigeteilt. Östlich der Neiße liegt Gubin, heute eine polnische Stadt, früher der Wohnbezirk der einen Stadt Guben. Auf dem westlichen Ufer der Neiße, die hier nur ein schmales Flüsschen ist, drängten sich damals die riesigen Backsteinhallen der Textilindustrie, zwischen die die dazugehörigen Fabrikantenvillen gequetscht waren - das heißt, Hallen und Villen gibt es heute noch, bloß stehen sie fast alle leer. Daneben zwei, drei Geschäftsstraßen - das ist das "Zentrum" Gubens. Und aus der Zeit, als Guben den Beinamen "Wilhelm-Pieck-Stadt" trug, stammt das wegen der sumpfigen Neiße-Aue räumlich getrennte Neubauviertel. DDR-Platten, die heute fast ausnahmslos renoviert und verschönt sind. Eine leidende Stadt: Vor der Wende lebten noch 33 000 Menschen hier. Von den 7000 Arbeitsplätzen der Chemiefaserproduktion sind weit über 5000 futsch. Der Slogan "Gubener Tuche, Gubener Hüte, weltbekannt für ihre Güte" ist Geschichte. Über 20 Prozent haben keine Arbeit.

Eine ganz normale Stadt in Ostdeutschland also? Viele in Guben sagen das: Eigentlich sei Guben eine ganz normale Stadt, und dann wird oft angefügt: "Omar Ben Noui hätte überall passieren können", eine eigentümliche Formulierung, die den Namen des Opfers für die Tat setzt. Dem hält der Pfarrer entgegen: "Es ist aber nun mal in Guben passiert. Und es ist auch nicht zufällig in Guben passiert."

Eine ganz normale Stadt? Selbst die Landesregierung, der man übertriebenen Eifer bei der Bekämpfung des Rechtsradikalismus nicht vorwerfen kann, betrachtet Guben als einen der vier Schwerpunkte rechter Gewalt in Brandenburg. "In Guben ist ja sogar versucht worden kleinzureden, dass wir ein Problem mit dem Rechtsradikalismus haben", ereifert sich Christine Knapik, die für die PDS in der Stadtverordnetenversammlung sitzt. Und Pfarrer Domke vermisst die Entschiedenheit, die Untat überhaupt zuzugeben und sich davon zu distanzieren: "Es wird alles getan, es zu verdrängen und zu beschönigen. Und damit spielt man natürlich den Rechten in die Hände."

Im Stadtparlament sind keine rechtsextremen Parteien vertreten. Sie haben offenbar auch kaum feste Strukturen in Guben aufbauen können, obwohl in den frühen Neunzigern die rechten Rattenfänger durch das desillusionierte Wende-Land zogen. Aber was heißt das schon? Ein Jahr nach dem Tod von Omar Ben Noui wurde der jüdische Friedhof geschändet. Bei Domke, der die Hakenkreuze und antisemitischen Parolen entdeckt hatte, meldeten sich zwei Tage später zwei Reumütige, um sich zu entschuldigen. Ein besonders dummer Dummer-Jungen-Streich? Vielleicht. Aber einer der beiden wurde massiv unter Druck gesetzt, seine Aussage, die andere Täter benannte, zurückziehen. Rechtsradikale von auswärts vermöbelten einen der "Verräter" später aus Rache.

Bürgermeister Hain, der aus der Bürgerbewegung kommt, erinnert gern an die gemeinsamen deutsch-polnischen Freudenfeiern, als 1989 die Berliner Mauer fiel. Gewiss, gerade Hain hat sich stark gemacht für deutsch-polnische Verständigung und Verbesserung der Nachbarschaft; dafür hat man, wenn auch erfolglos, versucht, ihn abzuwählen. Aber gegen die Ressentiments, die offenbar viele Gubener gegen Polen pflegen, scheinen die offiziellen Bemühungen wenig ausrichten zu können. An der Friedensschule berichtet die aufgeweckte Grundschülerin Sarah von grenzüberschreitenden Kinder-Kontakten. Aber selbst aus ihrer Schilderung ist das abgrundtiefe Desinteresse, im schlechteren Falle das Misstrauen herauszuhören, das in Guben den Polen - die man hier gern "der Pole" nennt - entgegenschlägt.

Im Frühjahr beklagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, dass der Prozess gegen die elf jungen Gubener, die den 28-jährigen Algerier in den Tod gehetzt haben sollen, so endlos lang dauere; am 13. November, 21 Monate nach der Tat, sollen nun die Urteile fallen. In Guben findet Thierses Äußerung - die ja durchaus umstritten war - große Zustimmung. Man fragt sich bloß warum: Geht es um Gerechtigkeit? Oder geht es darum, dass endlich, endlich mal Schluss ist mit dem leidigen Thema? Ist es das Bedürfnis nach Sühne? Oder nach Ruhe? Die Antwort legt der Gedenkstein nahe, der an den Tod des 28-jährigen Algeriers erinnert: Insgesamt sechsmal ist er geschändet worden - mindestens einmal von Tätern aus dem Kreis der Angeklagten. Da wird der Stein des Gedenkens zum Stein des Anstoßes - deshalb weg damit, fordern manche.

Es gibt Jugendcliquen, in denen die Angeklagten, die ja nicht in Haft sind, offen bewundert werden. Diese Bewunderung teilen viele Gubener sicher nicht. Die Mehrheit grenzt sich schärfstens von den elf Tätern ab. Entlastet sie sich, indem sie den elf alle Schuld aufbürdet, nicht auch von der Frage, was sie falsch macht, von eigener Unachtsamkeit, von eigenem Versagen, von eigener Schuld? "Ja, genau", stimmt Pfarrer Domke dieser These zu, "und genauso geht übrigens der Rest Deutschlands mit Guben um: Gott sei Dank, dass das in Guben passiert ist und nicht bei uns."

 
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