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Die Wahrheit über die Verschwundenen

François Schlosser, Nouvel Observateur, 13. Dez. 1998

Im Namen des Kampfes gegen die islamistische Barbarei wurde Algerien in den vergangenen sechs Jahren eine der größten Folterfabriken des Planeten, die ebenso effizient arbeitete wie vor fünfzehn Jahren das Chile Pinochets oder das Argentinien Videlas.

In Rücksicht auf die nationale Empfindlichkeit der Machthaber in Algier und ihre eigenen kommerziellen und geopolitischen Interessen wandten Europa und die Vereinigten Staaten pietätvoll ihren Blick ab. Das erleichterte die Arbeit der algerischen Diplomaten. Durch ihre Erfahrung mit den Mechanismen der UNO gelang es ihnen im Laufe der Jahre, jede wirkliche internationale Untersuchung abzuwenden. Ihr geschicktes Manövrieren verhinderte regelmäßig die Verurteilung der Praktiken des Regimes durch die Menschenrechtskommission in Genf.

Heute zeigt im Schutze einer beginnenden Demokratisierung die Fassade Risse, da sich die Zungen lösen. Hinter der Grausamkeit der terroristischen Gruppen taucht diejenige des Regimes selbst auf. Die Entführungen, das Verschwindenlassen, die Folterungen und die summarischen Hinrichtungen waren keine Fehltritte, sondern systematische Politik. Die Fälle belaufen sich nicht auf Dutzende oder Hunderte, sondern auf Tausende.

Die Akten häufen sich Tag für Tag bei der Algerischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte (LADDH) und bei einigen mutigen Anwälten. Seit sechs Jahren und insbesondere zwischen 1993 und 1996 wurden Männer und Frauen entführt, oftmals an hellichtem Tage, in ihrer Wohnung unter den Augen der Familie, an ihrem Arbeitsplatz oder in der Straße.

Anfangs noch auf Personen beschränkt, die einer Verbindung mit den Islamisten verdächtigt wurden, entwickelten sich die Entführungen zu einer alltäglichen und willkürlichen Praxis. Viele verschwanden in den illegalen Haftzentren, in denen gefoltert wird; die Menschenrechtsorganisationen konnten 14 solcher Zentren allein in der Region von Algier lokalisieren. Die Furcht vor einer weiteren Entführung in der selben Familie brachte die Verzweifeltsten zum Schweigen.

Die Polizei, die Gendarmerie und die Armee Algeriens waren die hauptsächlichen Exekutoren dieser grauenhaften Hetzjagd. Neue Fälle von Verschwundenen wurden 1997 und 1998 bekannt.

Aber diesmal verlangen die Familien der Opfer Rechenschaft. Sie haben sich in Kollektiven organisiert und demonstrieren regelmäßig in Algier - und jetzt auch in Paris, samstags vor den Gittern des Palais du Luxembourg -, um ihr "Recht auf Wahrheit" über das Schicksal der Verschwundenen einzufordern. Alles deutet darauf hin, daß in Zukunft die algerischen Pinochets sich einiges Kopfzerbrechen bereiten werden bei ihren Auslandsreisen.

Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

 
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