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Wenn's um Algerien geht, geben die alten Klischees immer noch was her!

Bezugnehmend auf den Artikel von Axel Veiel vom 27. Oktober 2000 "Nach dem Fanatismus schürt jetzt die Armut die Gewalt"; "Mordwelle in Algerien vor Beginn des Ramadan" möchte ich einige wichtige Punkte klarstellen:

Indem Armut mit Fanatismus und Gewalt in Verbindung gebracht und diese durch die jedes Jahr wiederkehrende Verknüpfung von Morden und Ramadan verstärkt wird, basiert die Darstellung Veiels lediglich auf Sensation und bietet im Grunde weder Erklärungsansätze noch trifft sie die reale Situation. Diese Assoziationen appellieren an die tief sitzende und unreflektierte Gewißheit, daß Islam mit Gewalt verbunden ist. Algerien soll dafür immer wieder ein lebendiges Beispiel bieten.

Axel Veiel behauptet, daß im Land Ruhe eingekehrt sei (sogar "Rai-Sänger Khaled gibt wieder ein Konzert in der Heimat"!), aber plötzlich seit Oktober (kurz vor Ramadan) die Anschläge und Morde wieder begonnen hätten. Dies stimmt mit den Fakten ganz und gar nicht überein. Die jetzigen Todeszahlen erreichen zwar nicht den Stand der Jahre 1994-1998, aber jeden Monat und das seit Amtsantritt Bouteflikas im April 1999, sind zwischen 200 und 300 Tote zu verzeichnen. Im letzten Jahr schickte es sich nicht, darüber zu berichten, da dem Präsidenten eine gewisse "Schonfrist" gewährt werden sollte. Doch seit dem Stichtag (13. Januar 2000) für "Reumütige", die dem "Gesetz zur zivilen Eintracht" entsprechend Straffreiheit oder -verringerung erhalten sollen, wenn sie sich stellen und keine Blutverbrechen begangen haben, wird wieder mehr über Massaker berichtet. Seitdem wird auch die Politik des Präsidenten als gescheitert erklärt.

Es gibt entgegen den Behauptungen Herrn Veiels keine offiziellen Zahlen über die Personen, die sich den Behörden gestellt haben (in algerischen Zeitungen kursieren Zahlen von 1 500 bis 5 500), und die Öffentlichkeit weiß auch nicht, welche Kriterien erfüllt sein mußten, um in den Genuß dieser Straffreiheit zu kommen. Ernst zu nehmende Analysten meinen sogar, daß ein Großteil der "Reumütigen" eingeschleuste Geheimdienstagenten sind, die, nachdem diverse bewaffnete Gruppierungen die Waffen niedergelegt haben, somit ins Zivilleben integriert werden sollen.

Die gegenwärtigen Massaker finden wie Veiel zu Recht schreibt in einem Umkreis von 100 km, also in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt statt, in der Zone mit der höchsten Militärkonzentration und wo seit Jahren der "Kampf gegen den Terrorismus" geführt wird. Die gesamte Bevölkerung in dieser Region ist kontrolliert, kaserniert oder vom Militär bewaffnet. Die Oppositionellen und die potentiellen Oppositionellen sind entweder liquidiert oder vollständig unter der Kontrolle des Staates. Angesichts der fortdauernden Massaker muß die Frage gestellt werden, ob nicht bestimmte Kräfte im Militärapparat ein Interesse daran haben, ein gewisses Maß an Gewalt zu erzeugen, um andere Teile des Machtapparates unter Druck zu setzen. Dieses Szenario hat sich in den Jahren 1997-98 abgespielt, als es darum ging, den damaligen Präsidenten Liamine Zeroual und seine rechte Hand Mohamed Betchine zum Rücktritt zu zwingen.

Mit Armut hat die Gewalt in Algerien nur bedingt zu tun. Sicherlich ist der Terrorismus auch mit Banditismus verbunden. Es sind allerdings einige Studien erstellt worden, die zeigen, wie lokale Potentaten, die nicht selten im Parlament sitzen oder andere ehrwürdige Funktionen innehaben, sich terroristischer Mittel bedienen, um staatliche Unternehmen oder die private Konkurrenz auszuschalten oder ihre Position zu stärken.

Veiels Ausführungen bieten keine Erklärungen für eine komplexe Lage, in der außer vereinzelte unabhängige Gruppen sicherlich auch ganz andere Kräfte ein Interesse an Armut und Gewalt haben. Hat nicht der IWF mit seinem Strukturanpassungsprogramm die Verarmung der Gesellschaft und die Korruption beschleunigt? Wo bleiben die Milliarden Erdöleinnahmen, die der algerische Staat Dank der Preissteigerung dieses Rohstoffes und des Dollars einnimmt? Die Massaker damit erklären zu wollen, daß "wo es früher allein ums Töten ging, [...] es jetzt auch um die Beute [geht]" kann wohl kaum als ernst zu nehmender Ansatz gemeint sein.

Angesichts der falschen Informationen und der fehlenden Analyse, die diesen Artikel auszeichnen, entsteht unweigerlich der Eindruck, daß es um nichts anderes geht als um die Reproduktion abgenutzter Stereotypen und Klischees. Von einer Zeitung wie der Frankfurter Rundschau wäre doch eigentlich ein anderes Niveau zu erwarten.

Salima Mellah
Mitarbeiterin von algeria-watch

 
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